Die fünfte Staffel der international erfolgreichen Polit-Serie Homeland wurde in Berlin gedreht. Im Auftrag der Produzenten sprühte Caram Kapp arabische Graffiti an die Wände einer Flüchtlingslager-Kulisse. Statt der bestellten Pro-Assad-Slogans platzierte er Slogans, die sich gegen die Sendung selbst wendeten: "Homeland ist rassistisch", "Homeland ist ein Witz, über den wir nicht lachen können" oder "Die Sendung repräsentiert nicht die Ansichten der Künstler." Jetzt lief die Sendung in den USA und Australien. Millionen Fernsehzuschauer sahen Kapps Graffiti. Der Erfinder der Serie, Alex Gansa, sagte, er wünschte, das Team hätte die Slogans rechtzeitig entdeckt. Gleichzeitig bewundere er den Akt künstlerischer Sabotage.


ZEIT ONLINE: Herr Kapp, herzlichen Glückwunsch: Seit die zweite Folge der fünften Staffel von Homeland ausgestrahlt wurde, wird Ihre Aktion weltweit diskutiert. Haben Sie Ihr Ziel erreicht?

Caram Kapp: Bei der Diskussion, die sich um die Aktion inzwischen ergeben hat, würde ich sagen: Ja.

ZEIT ONLINE: Haben Sie wirklich damit gerechnet, dass es klappen könnte?

Kapp: Wir dachten, dass die Produzenten ein bisschen mehr kontrollieren würden, was auf ihren eigenen Bildern genau zu sehen ist. Als die Folge dann lief, hat uns schon sehr gewundert, dass die Graffiti, die wir gesprüht haben, so sichtbar waren. 

Links auf der Wand ist zu lesen: "Homeland ist rassistisch". © Screenshot "Homeland"

ZEIT ONLINE: Wie ist es genau zu der Aktion gekommen?

Kapp: Die Produzenten der Show haben Stone kontaktiert, weil sie in ihrer Kulisse typisch arabische Graffiti wollten. Sie kamen auf ihn, weil er sehr viel über arabisches Graffiti publiziert, recherchiert und auch einige Graffiti-Aktionen gemacht hat. Im arabischen Raum ist er ziemlich bekannt. Stone hat dann einige Leute angefragt, ob sie den Auftrag übernehmen wollen. Die haben aber zumeist abgelehnt, weil die Sendung bei denen, die sich mit dem Nahen Osten auskennen, nicht unbedingt einen guten Ruf hat. Es ist ethisch einfach schwierig, für diese Produktion zu arbeiten. Irgendwann wurde uns aber klar, dass es auch eine einmalige Chance sein kann, zu thematisieren, wie undifferenziert die Sendung mit ihren Antagonisten umgeht. 

ZEIT ONLINE: Was werfen Sie der Sendung vor?

Kapp: Homeland stellt eine ganze Bevölkerungsgruppe als dunkel und gefährlich dar. Der Vorwurf ist, dass die Sendung ihren amerikanischen Protagonisten erlaubt, jegliches Mittel anzuwenden. Die Figuren haben zwar damit zu kämpfen, dass sie so viele ethische und völkerrechtliche Grenzen übertreten und natürlich lastet das auf ihrem Gewissen. Aber letztlich ist es im Angesicht der Bedrohung doch immer annehmbar. Auf der anderen Seite haben die Antagonisten, die in erster Linie aus der muslimischen oder arabischen Welt oder aus Südostasien stammen, überhaupt keine ethischen Bedenken. Und das ist ein Umgang mit einer riesigen Bevölkerungsgruppe, der so undifferenziert ist, dass es an Propaganda grenzt. Schon allein was die Ethnien und die Glaubensrichtungen angeht, ist die muslimische Welt sehr viel heterogener, als die Show darstellt. Gleichzeitig ist Homeland für viele Leute eine glaubwürdige Quelle.

ZEIT ONLINE: In Ihrer Erklärung zitieren Sie einen Wissenschaftler der New Yorker Columbia-Universität, der Homeland Rassismus vorwirft. Die Erklärung wurde unter anderem von Heba Amin unterschrieben, einer Assistenzprofessorin an der Amerikanischen Universität Kairo. Vertreten Sie sozusagen die Lehrmeinung?

Kapp: Die Professorin aus Kairo hat sogar mitgesprüht. Eba und ich waren zusammen am Set. Sie hat eine Zeit lang in Berlin gelebt und uns war schnell klar, dass das eine einmalige Gelegenheit ist. Wenn wir es nicht gemacht hätten, hätten wir es ganz ehrlich bereut.

ZEIT ONLINE: Aber ist nicht gerade Homeland dafür bekannt, Widersprüche und komplexe Zusammenhänge aufzuzeigen? In der ersten Staffel stirbt eine ganz Grundschulklasse durch einen amerikanischen Drohnen-Angriff.

Kapp: Ich habe die Serie auch gesehen und sie ist nicht schlecht produziert. Aber der Hauptkritikpunkt bleibt, dass den amerikanischen Protagonisten sehr viele Grauzonen erlaubt werden. Carrie hat zwar große ethische Bedenken wegen des Drohnen-Angriffs. Aber schlussendlich führt sie ihn durch. Abu Nazir hingegen wird nur als Terrorist dargestellt.

ZEIT ONLINE: Letztlich ist Homeland aber Unterhaltung. Ist eine Diskussion um die angemessene Repräsentation heterogener Bevölkerungsgruppen nicht ein wenig überzogen?

Kapp: Das ist eine sehr verbreitete Ansicht. Gerade im Netz wird aber viel Kritik laut an der Art und Weise, wie Araber und Menschen aus Südostasien in der Serie repräsentiert werden. Die Kritik kommt auch nicht nur aus der arabischen Welt. Die findet auch in Amerika statt. Selbst die Washington Post hat das Poster für die vierte Staffel beschrieben als "weißes Rotkäppchen, das sich in einem Wald voller gesichtsloser muslimischer Wölfe verlaufen hat". Auch wir wollten kommentieren, wie undifferenziert die Sendung mit einer ganzen Bevölkerungsgruppe umgeht und dass das wirklich teilweise Propaganda ist. Und dass wir in einer sehr polarisierten Welt leben, in der wir nichts schwarz-weiß sehen dürfen, sondern dem anderen, wo auch immer er herkommt, mit einem offenen Herzen und mit offenen Augen begegnen müssen.

ZEIT ONLINE: Wie ist das Feedback aus der muslimischen Welt?

Kapp: Das Feedback – nicht nur aus der muslimischen oder arabischen Welt – ist bisher sehr positiv. Die Leute verstehen, warum wir diese Aktion durchziehen mussten. Uns ging es schlicht auch darum, für mehr Differenziertheit und mehr Menschlichkeit im Umgang mit anderen Kulturen zu werben.