Wie jedes Genre hat auch der Horrorfilm eine doppelte Funktion. Er drückt etwas Überzeitliches, Anthropologisches oder wenigstens tief in einer Kultur Versenktes aus. Das Drama der Ablösung, der Übertritt von der Welt der Geborgenheit und des Urvertrauens in eine dämonische und zu jeder Verletzung fähige Erwachsenenwelt. Die Erkenntnis, nicht nur für die eigenen, sondern womöglich noch mehr für die Sünden der anderen zu büßen. Dass Natur nichts anderes heißt, als einander auffressen, und Gesellschaft nichts anderes, als dazu geeignete Instrumente zu benutzen. Kurzum: Der Horrorfilm wäre so die moderne Form des Märchens. Eine Fantasie, die man zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens braucht, um sie dann, als Erwachsener, wieder abstreifen zu können.

 

Etwas Grauen- und Lustvolles passiert mit dem Körper, so fängt das an. Kommt das aus dem tiefsten Inneren, kommt es aus dem Himmel und noch eher der Hölle, oder einfach von den anderen, von der Gesellschaft? Horror ist der Zustand, in dem man das alles nicht genau auseinanderhalten kann. Deshalb ist es das Genre mit dem größten Gegensatz zwischen dem Sublimen und dem Drastischen. Die Hoffnung des Genres ist es, uns dorthin zu bringen, wo wir noch nie waren. Hinterher können wir uns fragen, ob wir da eigentlich hinwollten. Aber die Hölle ist jedenfalls ein interessanter Ort für einen Abstecher, gemessen an der Langeweile ringsum; die Gefahr des Genres ist es, dass man auf ewig stecken bleibt: zwischen dem Sehenwollen und dem Nichtsehenwollen, im Rearrangement des zerrissenen, geschmolzenen, zerplatzten, aufgeschnittenen, zersetzten Körpers.

Der wahre Horror-Fan mag sich zwar mehr oder weniger diebisch freuen, wenn die moralische Reaktion zwischen Ohnmächtigwerden oder Nach-der-Zensur-rufen schwankt. In Wirklichkeit aber richtet sich die Provokation der drastischen Grenzüberschreitung nicht an einen bestimmten Adressaten. Was zum Beispiel die einst Jungen Wilden des amerikanischen Horrorfilms der siebziger Jahre wie Wes Craven, Tobe Hooper und George A. Romero umtrieb, das war ein so tiefer Zorn, dass sie alle, mit mehr oder weniger Erfolg, den Rest ihres Lebens und ihrer Arbeit damit zubringen mussten, ihren eigenen Zorn zu verstehen. Einer der Gründe, warum Horror sich immer in Schleifen der Selbstreflexion bewegt. Die Kunst des Horrorfilms besteht unter anderem darin, immer mehr von dem Zorn und von der Angst zu verstehen, aus der man die Energie des Genres schöpft, aber seine Drastik deshalb nicht zu verlieren.

Das Zweite aber, was Horrorfilme vermitteln, ist ein so konkretes wie komplexes Gesellschaftsbild. Der alte Horrorfilm spielte in der Vergangenheit, was mit den ursprünglichen literarischen Vorlagen ebenso viel zu tun hatte wie mit einer gewissen Maskerade. Aber es ging auch um die Sünden der Väter, um das in den Kellern und Grüften Begrabene, um Geister, die, bei aller Lust an physischer Gewalt, immer noch in einer Linie von William Shakespeare zu Mary Shelley agierten. Moderner Horror nun, wie er in den Autokinos undGrindhouses der sechziger Jahre zuerst auftauchte, in der Zeit von Vietnam, Präsidentenmord und Drogenkrieg die Hippieträume zerhackte und schließlich eine neue Tradition begründete, handelt mehr vom Offensichtlichen als vom Verborgenen. Die Schuld für das Grauen liegt genau in der Welt, wie sie ist. 

In der Hölle wurde es zu eng

Das zeigen Subgenres wie der Teenage Slasherfilm (Teenager-Gruppen werden von einem Mörder bis auf das final girl dezimiert), der Backwood Horror (Freundescliquen oder Familien geraten bei einem Ausflug ins Hinterland an mörderische, kannibalische und inzestuöse Metzger-Familien), die Home Invasion (sadistische Gangs bringen brave Familien in ihre Gewalt, um mit ihnen ihre furchtbaren Spiele zu spielen, bis einer oder mehrere dieser Gepeinigten zum noch furchtbareren Gegenschlag ausholt), die Torture Porns (endlose Qualen gefangener und gefesselter Menschen, die in aller Regel nicht einmal wissen, wer sie da so zurichtet und warum), der Rape-and-Revenge-Film (vergewaltigte Frau nimmt blutige Rache und verabschiedet sich mit der großen Geste) – und schließlich der moderne Zombiefilm, das Genre, das eine Zeit lang die Drastik-Skala beherrschte.

In der Hölle wurde es zu eng, und die Leichen kehrten als somnambule Untote auf die Erde zurück, um Menschen zu zerfetzen und durch ihren Biss selber in Zombies zu verwandeln. Der Zombiefilm zerfiel im Lauf seiner nun schon wieder bald fünfzigjährigen Geschichte in weitere Subgenres: Nazi-Zombiefilm, Zombie-Komödie, der philosophische Zombiefilm (der Zombie als Problemfall der Subjektphilosophie), Teenager-Zombiefilm (der Zombie bin ich), tragischer Zombiefilm, derzeit erfolgreich mit Maggie, wo niemand anderer als Arnold Schwarzenegger das Porträt eines verzweifelten Vaters gibt, der seine Tochter an die Zombie-Seuche verlieren wird – und schließlich: die Zombie-Apokalypse – die Welt wird von den Zombies beherrscht, nur wenige Menschen haben sich retten können. Sie wollen überleben, gewiss, und deswegen ist beinahe jedes Mittel recht, Zombies zu eliminieren. Zugleich steht da eine andere Frage im Vordergrund: Wie viel Menschlichkeit kann man retten? 

Auf die kindliche Unschuld ist kein Verlass

Davon handelt die weltweit erfolgreichste Horrorserie, The Walking Dead, deren Bedeutung für die universale Pop-Mythologie allenfalls von Game of Thrones erreicht wird. Beide sagen dasselbe, beide dringen zum Kern des modernen Horrorfilms vor: Das Projekt Gesellschaft ist gescheitert, an der Gier und am Hass, unter anderem, die Beziehungen sind durch Gewalt und Verrat bestimmt, Helden von heute sind die Schurken von morgen und umgekehrt.

Die Grundvoraussetzung aller Fantastik ist auf den Kopf gestellt: Da geht es nicht um ein böses Anderes, das in eine Welt der normalen Guten eindringt; die Welt der Menschen ist das Böse, und unser Erstaunen gilt dem Umstand, dass überhaupt noch etwas Gutes aufscheint, hier und da. Und eine weitere Eigenschaft verbindet die Mittelalter-Fantasy Game of Thrones (wie alles begann) und die Endzeit-Zombiekatastrophe von The Walking Dead (wie alles endet, oder, wer weiß, wieder von vorn beginnt), nämlich dass inmitten der krudesten Gewaltszenen poetische Transzendenz wie kritisches Bewusstsein aufleuchtet.

Der moderne Horrorfilm kann gar nicht anders, als über sich und die Welt nachzudenken. Schmerz, Tod und Angstlust sind nur noch Begleiterscheinungen eines viel tieferen Grauens. Das Überleben ist mit der grausamsten Frage gekoppelt: Wozu eigentlich? Ist hier überhaupt noch jemand wert, gerettet zu werden? Nicht einmal auf die kindliche Unschuld ist Verlass. Und die Familie ist längst kein Hort der Geborgenheit mehr.