Chad Smith zählt fraglos zu den Superstars des Rock 'n' Roll. Als Schlagzeuger der rasend erfolgreichen Red Hot Chili Peppers dürfte ihn nach bald drei Jahrzehnten auf den größten Bühnen der Welt also nichts mehr überraschen. Außer vielleicht: Till Lindemann. Den habe er mal gefragt, was es mit all dem Feuer auf sich habe, und darauf drei Antworten erhalten. Erstens handele es sich um das Feuer des Geistes. Zweitens um das Feuer des Herzens. Und drittens um: "einfach Feuer".

Aber kann man das wirklich glauben? Pop erhebt die Oberfläche notorisch zum Inhalt. Feuer ist hier nie bloß Feuer, sondern Teil einer allumfassenden Show, von der auch die realsozialistisch sozialisierten Ex-Punks angezogen wurden wie Jünger von Demagogen. In der Arte-Dokumentation Rammstein in Amerika skizziert der Regisseur Hannes Rossacher daher nicht nur den Weg einer neudeutschen Band mit altdeutschem Gestus zu urdeutscher Sprache in die USA. Der Film zeigt etwas Größeres: eine Muskelfleisch gewordene Synthese des Unvereinbaren, die zusammenwächst, weil sie zusammengehört.

Kollege Smith weiß davon ein Lied zu singen. Iggy Pop übrigens auch, außerdem Marilyn Manson, Steven Tyler, Gene Simmons, Moby, Slipknot und wie die erlesenen Abgesandten der Popkultur so heißen, die sich vor Rossachers Kamera versammeln. Zwischen kindlicher Verblüffung und adulter Hochachtung feiern sie 90 klingende Minuten lang ein Phänomen, das unerklärlich scheint und doch so naheliegend.

Brennende Militärbasis

Alles beginnt 1993, als sechs befreite Zonenkinder ein Jahr vor Rammsteins Gründung zufällig zeitgleich die USA bereisen. Der Film zeigt die grobkörnigen Archivbilder von damals. Als Freiheitstest ins land of the free geplant, geriet der Besuch zur Pilgerfahrt ins Land der Ungläubigen, die bekehrt werden wollten, davon aber noch nichts wussten. In Rammstein, erklärt Iggy Pop euphorisch wie ein Junge beim Entdecken der Schokoladenschublade, stecke ja nicht nur das aggressive ram plus steinerner Härte, sondern eine US-Militärbasis, die 1988 in Flammen aufging. "Unser wunder Punkt", sagt der Berlin-Exilant aus David Bowies Kreuzberger Tagen.

Die Neue Deutsche Härte der Mecklenburger traf in den Neunzigern auf den amerikanischen Nu Metal, der sich mit Basecaps und kurzen Hosen ausstattete. Nach dem ersten Auftritt in New York vor 15 Gästen ging es schnell mit dem Auswärtserfolg. Die Gründe führen die weltweit erfolgreichsten Popstars aus Deutschland in diesem Film beim entspannten Plaudern auf schwarzen Sofas aus. Dass sie mittlerweile angegraute Veteranen sind, fällt kaum auf, so martialisch kleiden sie sich auch noch als Familienväter.

Pornografische Showelemente

Wobei es ja drei Gründe waren: Feuer (Kopf), Feuer (Herz) und Feuer (Feuer). Gepaart mit dem wagnerianisch überfrachtetem Thrill von Sex, Gewalt und Nazikitsch war das Flammeninferno Rammstein besonders live "so extrem, so real", dass ihr künftiger Agent schon früh gewusst haben will: "Amerika wird das fressen!" Streng chronologisch macht der Film deutlich, was diesen Appetit westlich des Atlantiks erzeugt, befriedigt und neu entfacht hat.

Vom Soundtrack zu David Lynchs Lost Highway über den Kampf der Pyromanen mit örtlichen Brandschutzregeln und einem publikumswirksamen Prozess wegen pornografischer Showelemente bis hin zur US-Tour mit eingeborenen Genre-Göttern wie KoЯn ging es ständig bergauf – bis Rammstein nach den  Anschlägen vom 11. September 2001 Zweifel am Land ihrer Träume kamen, das sich nun fast so unfrei anfühlte wie die eigene Jugend hinterm Eisernen Vorhang. Die Band verließ ihre zweite Heimat und kehrte zehn Jahre lang nicht zurück.

Aber nicht nur in den USA kühlte der Draht zwischen Publikum und Band merklich ab. Auch Deutschland fremdelte mit der Band, die einerseits eine Ikone artifiziellen Kommerzes war, anderseits rechter Umtriebe nie unverdächtig: Zwei Jahre zuvor war das Video zum Depeche-Mode-Cover Stripped erschienen, das Leni Riefenstahls Herrenmenschenbilder nutzte. Nach der dritten Platte Mutter schien sich auch ihr Sound abzunutzen, worunter auch die bandinterne Stimmung litt. Das Feuer brannte – zumal auf der Bühne – weiter, doch es wärmte weit weniger. Bis der explizite Porno zur Single Pussy 2009 den Erregungsregler auf Anschlag drehte und Rammstein ein Jahr später wieder ins Reich des Pop zurückkehrten.

Brüchige Helden

Der Gig im Madison Square Garden, der nach 20 Minuten ausverkauft war, bildet die dramatische Klammer von Rossachers Film, den Hollywood nicht besser scripten könnte: Aufstieg und Fall, Zweifel und Einsicht, Katharsis und Auferstehung von brüchigen Helden. Trotz ihrer Erfolge türmt der Regisseur die Bandmitglieder nicht einfach nur zu Denkmälern auf. Zwischendurch stutzt er sie auf die Größe von Spielbällen der Aufmerksamkeitsindustrie: sechs provokante Feuerteufel für das Amüsement einer sittenstrengen, dauererregten, konsumgeilen Gesellschaft. Wie Rammstein, meint Scott Ian von der Metal-Legende Anthrax und lächelt wie zu Beginn Chad Smith, stelle sich Amerika halt Deutschland vor: "Eine gut geölte Maschine."

"Rammstein in Amerika" läuft am Samstag, den 24. Oktober, um 21.45 Uhr auf Arte.