Im Café Schill ist die Zeit stehen geblieben. Nicht nur wegen des gastronomischen Angebots: Noch immer serviert man auf der Terrasse Kaffee in Kännchen, noch immer findet sich in der Kuchenvitrine die klassische Schwarzwälder Kirschtorte im Angebot, was auch sonst. Vor allem aber ist das Café Schill ein Museum. An sämtlichen Wänden hängen Fotografien, leicht verblasst zum Teil, darauf Menschen, die der durchschnittliche Zwanzigjährige heute wahrscheinlich gar nicht mehr wieder erkennen würde: Sicher, Klausjürgen Wussow, Gaby Dohm, Sascha Hehn und vielleicht sogar Wolfgang Rademann – die Namen hat man schon einmal gehört. Aber Eva Maria Bauer? Alf Marholm? Karin Eckhold?

Das Café Schill ist ein Hort der Nostalgie. Auf den Regalen stehen Souvenirs, Weingläser mit den Gesichtern von Professor Brinkmann oder Schwester Christa; draußen im Postkartenständer finden sich Exemplare, die entweder die vergangenen Jahrzehnte unbeschadet überstanden haben oder geradezu perfekt originalgetreu nachgedruckt wurden. Ja, sagt die freundliche Bedienung im Café Schill, es kämen heute immer noch Leute deswegen, selbstverständlich.

Vom Café Schill aus läuft man über die Klausjürgen-Wussow-Brücke den aufsteigenden, gewundenen Weg aus dem Ort hinaus, ein paar Minuten, bis sich rechterhand ein Gebäude erhebt, das mit seinen charakteristischen drei Giebeln einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis mindestens einer Fernsehgeneration hat: die ehemalige Rehaklinik Glotterbad. Besser bekannt als : Die Schwarzwaldklinik.

Operation Kitsch

Vor exakt 30 Jahren, am 22. Oktober 1985, lief die erste Folge der Serie, die nach wie vor zu den erfolgreichsten der deutschen Fernsehgeschichte gehört: 28 Millionen Zuschauer saßen im November 1985 bei der Ausstrahlung der Folge Die Schuldfrage vor den Bildschirmen, ein bis heute uneingeholter Rekord, jedenfalls für ein fiktionales TV-Format. "Operation Kitsch" titelte der Spiegel in seiner Ausgabe vom 29. Oktober 1985. Und selbstverständlich stimmt das. Oder genauer gesagt: Es stimmt zum Teil.

Zu anderen Teilen ist Die Schwarzwaldklinik eine bis heute vollkommen unterschätzte Fernsehserie, und das aus verschiedenen Gründen. Zum einen ist sie das makellose, ungebrochene Abbild ihrer Epoche. Keine andere Fernsehserie spiegelt in Sachen Mode, Weltbild, Rollenverteilung und Fernsehästhetik die achtziger Jahre, die Hoch- und Endzeit der friedlichen Bonner Republik so originalgetreu wider. Das darf man politisch reaktionär und ästhetisch schwer erträglich finden. Man kann aber auch feststellen, dass dieses Land unangenehmere Zeiten hatte als diese.

Und zur Verteidigung sei angemerkt, dass die erste, aus 24 Folgen bestehende Staffel beispielsweise das traditionelle Mann-Frau-Rollenbild eher aufbricht als zementiert. Erst in der dann tatsächlich phasenweise langweiligen zweiten Staffel werden Klischees wie das der arbeitenden Rabenmutter derart hölzern durchgespielt, dass es beinahe etwas unfreiwillig Komisches hat.

Zum anderen, und das ist das Entscheidende, war Die Schwarzwaldklinik bis in die Nebenrollen hinein mit ausgezeichneten Schauspielern bestückt, von den Gastrollen erst gar nicht zu reden: Wolfgang Kieling, Bruni Löbl, Manfred Zapatka, Carl-Heinz-Schroth, Eberhard Feik, Gustl Bayrhammer, Günter Strack und nicht zuletzt Gert Fröbe in seiner letzten Rolle. Das Gravitationszentrum der Serie allerdings ist Wussow mit seinen braun-grünen Augen.