Möglicherweise hat Ben Foster etwas nicht ganz verstanden. In Interviews erzählte der Schauspieler, um die Rolle des Lance Armstrong so gut wie möglich auszufüllen, habe er selbst gedopt. Was genau er genommen hat, verriet er zwar nicht, aber er offenbarte doch eine bemerkenswert dumme Variante des Method Acting. Doping ist kein Spaß, Doping kann Menschen umbringen, deswegen ja die ganze Aufregung.  

Viel genutzt hat es Ben Foster nicht. In The Program schafft er es so gut wie nie, den Zuschauer vergessen zu lassen, dass statt des echten Armstrong ein Schauspieler über die Leinwand hetzt. Was aber gar nicht so sehr Fosters Schuld ist. Sportfilme haben vor allem ein Problem: Sie sind Filme. Ihre Bilder sind künstlich, nachgemacht, unecht, kommen nicht an gegen die Wucht der echten Bilder, die sich jedem Sportinteressierten schon längst ins Gehirn gebrannt haben. Der Kampf von Muhammad Ali gegen Joe Frazier, das Wunder von Bern und nun Armstrongs Ausfahrten durch Frankreich – gegen solche mittlerweile ikonischen Szenen anzuspielen ist ähnlich undankbar wie Lance Armstrongs Epo-Spritzen entsorgen zu müssen.

Dass der Hauptdarsteller so blass bleibt, liegt aber auch an der Figur, die er verkörpern soll. Lance Armstrong ist eine der charismatischsten Erscheinungen der Sportgeschichte. Zerfressen von Ehrgeiz, besessen, fanatisch. Der dreisteste Sportbetrüger aller Zeiten, der messianisch verehrt wurde, weil er nach seiner Krebsdiagnose auferstand, und wie. Der Oberschurke, der von US-Präsidenten hofiert wurde und an den sich Todkranke klammerten. Der radelnde Walter White, der seine eigenen Kinder anlog und Radfahrkollegen bedrohte, sogar während der Rennen. Wie spielt man einen barmherzigen Beelzebub?

Der Film leidet an Unterkomplexität

Armstrongs Robotergesicht, wenn er in Frankreich die Berge hochsauste. Sein Tschakagesicht, wenn er auf Galas Spenden für seine Charity-Organisation einsammelte. Sein Welpengesicht, als er bei Oprah Winfrey gestand, was längst schon alle wussten. Ben Foster ist weit entfernt von der Wandlungsfähigkeit seiner Figur. Und vielleicht geht das auch gar nicht. Vielleicht kann der beste Darsteller der Welt nicht mithalten, mit jemandem, der die Welt über ein Jahrzehnt lang belügt, dass sich die Speichen biegen. Vielleicht gibt es keinen besseren Schauspieler als Lance Armstrong. 

Auch andere Figuren im The Program sind wenig überzeugend. Armstrongs Dopingarzt Michele Ferrari wird zu einem italienischen Dr. Seltsam mit einer Vorliebe für gräusliche Strickpullover und Trainingsanzüge aus Ballonseide. Armstrongs späterer Rivale Alberto Contador wird, so denkt man im ersten Augenblick, von Cristiano Ronaldo gespielt, was natürlich nicht stimmt. Einzig Floyd Landis, Armstrongs einstiger Weggefährte und Sohn einer mennonitischen Familie, der später auspackt, erscheint als einigermaßen vielschichtiger Charakter.