Im November sind auf Netflix gleich zwei neue Serien angelaufen, die weltweit euphorisch für ihren Umgang mit race und gender gelobt wurden: Aziz Ansaris Brooklyn-Sitcom Master of None und die Marvel-Produktion Jessica Jones.

Der Freundeskreis des indisch-stämmigen Protagonisten Dev in Master of None besteht zum Beispiel aus einem taiwanstämmigen Frauenhelden, einem weißen Kindskopf und einer dunkelhäutigen, homosexuellen Schauspielerin, was in praktisch jeder Kritik positiv vermerkt wurde. Und weil die Protagonistin in der Marvel-Serie Jessica Jones ungeduscht in ihrem kargen Wohnbüro Whiskeyflaschen austrinkt und pragmatisch Sex hat, ist in den Kulturspalten und Fanforen von einem feministischen Statement die Rede.

Allerdings ist es erstens noch kein Feminismus, eine Frau in einer Fernsehhauptrolle zu zeigen. Und zweitens ist ein ethnisch gemischtes Ensemble in einer Sitcom noch kein Zeichen dafür, dass die USA endlich ihr Verhältnis zu den Minderheiten geklärt hätten.

Master of None selbst erzählt jedenfalls genau das Gegenteil: In einer Episode versucht Dev eine Rolle in einer neuen Sitcom zu ergattern, in der es um drei Mitbewohner in New York gehen soll. Beim Casting sind dann jedoch zwei der letzten Kandidaten indischer Herkunft und können deshalb nicht nebeneinander in der Serie auftauchen, selbst wenn sie schauspielerisch am besten passen würden. Mit zwei Indern würde die Serie wie eine Serie über Inder wirken, nicht wie eine Serie über New Yorker, obwohl es im wirklichen New York natürlich leicht passieren kann, dass zwei indischstämmige Amerikaner in einer WG landen.

Einfach nur anwesend

Die Lücke zwischen der Realität und ihrer Repräsentation im Fernsehen ist also nicht unbedingt kleiner geworden, nur weil jetzt auf mehr Ausgeglichenheit geachtet wird. Frauen und ethnische Minderheiten werden nur schneller als Indikator für einen gesellschaftlichen Fortschritt gefeiert, sobald sie im Fernsehen auftauchen. Wofür sie allerdings nicht sehr viel mehr machen müssen, als in der richtigen Dosierung anwesend zu sein.

Die emphatischen Kritiken sagen deshalb weniger über die Serien aus, als über eine Gesellschaft, die keine Gelegenheit liegen lässt, sich für ihre eigene Liberalität zu feiern, selbst wenn sie einfach nur auf der Couch liegt und fernsieht. Jahrelang wurde das heute erwachsene Fernsehpublikum von seinen engagierten Eltern dafür gescholten, dass es zu viel vor der Glotze hängt. Sein schlechtes Gewissen therapiert es nun offenbar damit, dass es das Schauen der richtigen Fernsehsendungen zu einer Art gesellschaftspolitischen Akts umdeutet. Allerdings verändert aktivistisches Fernsehen eher nicht die Gesellschaft, sondern lediglich das Fernsehprogramm. Womit das Fernsehen wieder genau jene entpolitisierende Wutableiter-Funktion übernimmt, die ihr die Frankfurter Schule schon immer vorgeworfen hat. Als könnten die Verhältnisse, wenn sie im Film gut sind, in der Wirklichkeit so schlecht nicht sein.

Für die Produzenten heißt das: Wenn sie ihre Produktionen mit Frauen und Minderheiten besetzen, haben auch mittelmäßige Serien gute Chancen, als filmhistorischer Durchbruch gefeiert zu werden. Die Serie Jessica Jones zum Beispiel geht ganz offen damit um, dass sie vor allem eine Superhelden-Telenovela ist: Es geht um Verrat, Vertrauen und die wahre Liebe. Es gibt Momente, in denen zwei Charaktere im Restaurant über einen dritten sprechen, woraufhin dieser Dritte plötzlich wie aus dem Nichts vom Nebentisch aufsteht und ruft: "Hab ich’s doch gewusst!"

Eine Episode endet vollkommen unironisch mit einer Großaufnahme der weinenden Jessica, eigentlich eine klassische Lindenstraße-Technik. Wenn man die Geschichte in einem Krankenhaus in Sao Paulo ansiedeln würde, mit dem Bösewicht Kilgrave als Oberarzt und Jessica Jones als Stationsleiterin, wäre die Serie im brasilianischen Nachmittagsfernsehen genauso gut aufgehoben.