Vorweg muss man sagen: Wenn die Besucher von Ron Howards Im Herzen der See hinterher in den Buchladen rennen, um Herman Melvilles Moby Dick zu kaufen, dann kann man dem Film nicht sehr böse sein. Denn es erscheint zwar relativ gratis, Melvilles Epos als eines der gewaltigsten Bücher der Literaturgeschichte zu bezeichnen, aber nur weil etwas einfach ist, muss es ja noch lange nicht falsch sein. Melvilles Werk ist mehr als ein Roman über das Meer, über Religion, über das Duell eines besessenen Mannes mit dem großen weißen Wal. Es ist eine Enzyklopädie des 19. Jahrhunderts.

Ansonsten muss man sagen: Im Herzen der See ist kein guter Film. Er gehört in die Rubrik der aufwändig konfektionierten Hollywoodware, und innerhalb dieser Genregrenzen weiß ein Regisseur wie Howard natürlich, was er tut, ohne dass die Leinwand allzu stark errötet. Seit Apollo 13 kennt er sich mit Junge-komm-bald-wieder-Stoffen aus. Im Herzen der See handelt von der seefahrtshistorischen Fußnote, auf die Melville sein Buch unter anderem stützte. Der Film erzählt die Geschichte des Walfangschiffs Essex, das von einem Pottwal versenkt worden war, und deren Crew hernach wochenlang auf See umherirrte, bis ein Schiff die letzten Überlebenden rettete.

Auch Herman Melville taucht in Howards Film auf. Gleich zu Beginn klopft er an die Tür von Thomas Nicholson, vormals Schiffsjunge der Essex, um sich die Geschichte der Katastrophe erzählen zu lassen. Diese Begegnung steckt den Erzählrahmen ab, den man ähnlich schon aus dem tränenreichen Schiffbruchepos Titanic kennt: Ein Überlebender erinnert sich vor Publikum.

Die Ereignisse handeln vor allem vom Kapitän George Pollard, einem verwöhnten, ängstlichen Jüngling, den nur sein ehrenvoller Familienname auf die Kommandobrücke gebracht hat. Und von Owen Chase (Chris Hemsworth), dem ersten Offizier und erfolgreichsten Walfänger aus Nantucket, ein großherziger, raubeiniger Schönling, der hinterher tatsächlich die ganzen Ereignisse protokollierte. Segel werden gesetzt, ein Sturm wird durchfahren, Wale werden ausgenommen, das Blut spritzt, die Harpunen klappern, während an Deck der Konflikt zwischen Kapitän und erstem Offizier allgemach eskaliert – mit klaren Sympathien für Chase, der selbst bei härtestem Seegang auf dem Masttop steht wie in einem Ralph-Lauren-Spot für grobe Leinenhemden und sich den Wind durch die Hosen fahren lässt. Dagegen fragt man sich zumindest bei Howards milchbübischer Version von Kapitän Pollard, wie Melville aus ihm den charismatischen Despoten Ahab formen konnte.

Es geht um grölende Männerhorden, ein wenig um Loyalität. Dann kommt endlich der große Wal, der die Essex auf den Meeresgrund rammt, und damit gehen nicht nur die wirklichen Probleme der Crew erst los, sondern tatsächlich auch das Problem des gesamten Films: Howard will den Mythos des weißen Wals Moby Dick, einer der Mythen nicht nur der amerikanischen Literatur, sondern des gesamten 19. Jahrhunderts, wieder zurechtstutzen auf ein realistisches Maß. Der Wal, bei Melville nicht bloß rasendes Seeungeheuer, sondern abstraktes Sinnbild des Schreckens, der Furcht und des Unerklärlichen, Grundlosen, ein Wesen von nahezu überirdischer Dimension, eine "Grenze der Welt", schrumpft wieder zum Wal, als solle hier der beunruhigende, metaphysische Gehalt von Melvilles Fiktion eingefangen und durch eine Nachrichtenmeldung ersetzt werden, die lauten könnte: Vorsicht, Wildwechsel auf See. Als könne Howard nicht akzeptieren, dass die literarische Fantasie von Melville – obwohl er dem Schriftsteller ja eine gewisse Ehre erweist – größer wurde als die Wirklichkeit selbst.

Im Film soll nichts mehr groß sein und erhaben. Er soll höchstens fesseln, was ihm vielleicht hier und da sogar gelingt. In einer recht eigentümlichen Szene, als die Crew längst halbverhungert in ihren Booten dahintreibt, schwimmt der Wal noch einmal zwischen ihnen hindurch, taucht kurz auf und blickt den ausgemergelten Menschlein ins Auge, die nur müde und halbherzig ihre Harpunen erheben. Dann schwimmt der Wal weg, als fühle er so etwas wie Gnade, als wisse er, dass er gewonnen habe. Was bei Melville als unversöhnliche kreatürliche Verwicklung zwischen Mensch und Moby Dick erschien, ist in Howards Film bloß die Begegnung zweier Wesen, von denen nur eines, nämlich der Mensch, bereit wäre, bis zum Tode zu kämpfen.

Und ebenso wie der Wal ist auch das Meer plötzlich wieder zum gänzlich unmetaphorischen Gelände verkleinert worden, es ist nicht mehr die fühllose, ortlose Prärie oder das "Schlachtross", das den "Erdenball überrennt", als das Melville es beschrieb, sondern eine mit selbstredend allen tricktechnischen Mitteln beeindruckend ausgestaltete Kulisse, von der kein Grauen mehr ausgeht, keine Urgewalt und keine kosmische Verlorenheit. In Howards Film ist ein Meer wieder ein Meer, ein Schiff ein Schiff, ein Wal ein Wal und der Mensch ein Mensch. Hierbei aber nun von Entzauberung zu sprechen, hieße den Glauben an Melvilles Literatur zu verlieren, die nach diesem Film eigentlich nur umso glänzender erstrahlt.