ZEIT ONLINE: Herr Wolter, Sie haben Stefan Raabs frühe Karriere begleitet. Seine Sendung Vivasion bei Viva haben Sie produziert. Was war Viva damals?

Marcus Wolter: Viva wollte repräsentieren, was die deutschen Jugendlichen bewegt. MTV war für junge coole Engländer mit Seitenscheitel und V-Ausschnitten. Und wir wollten eine entsprechende Jugendmarke für den deutschen Markt werden. Dafür brauchte man Leute wie Heike Makatsch, die das verkörperte, was man Girlie nannte, eine selbstbewusste, coole junge Frau. Jemanden wie Nilz Bokelberg mit Schlumpfmütze, der unangepasst und verschlafen wirkte. Und man brauchte auch jemanden wie Stefan Raab, der alle aufgemischt hat. Im Nachhinein muss ich sagen, das war ein sehr gelungener Cast.

ZEIT ONLINE: Viva sendet heute auf einem gemeinsamen Kanal mit Comedy Central. Mehr Sparte geht kaum, obwohl doch auch heute noch alle Jugendlichen Musik hören. Was ist passiert?

Wolter: Musik ist zum überall konsumierbaren Gebrauchsmedium geworden. Dadurch verlor Viva als Musiksender an Bedeutung als Begleiter seiner Generation. Wenn man die fragt, die in den neunziger Jahren Teenager waren, würde ich annehmen, dass Viva eine Bekanntheit von 100 Prozent hat. Aber man hat es verpasst, diesen großartig positionierten und als Teenie-Leitmedium akzeptierten Sender in die digitale Welt mitzunehmen. Im Nachhinein zu schlaumeiern, ist leicht – aber das war eine Unterlassungssünde.

ZEIT ONLINE: Bei Viva haben Menschen gearbeitet, die heute das Fernsehen prägen. Matthias Opdenhövel, Raab, und Sie selbst sind Geschäftsführer der zweitgrößten Fernsehproduktionsfirma der Welt. Hat Viva das Entertainment von heute geprägt?

Wolter: Nein, das würde zu weit gehen. Aber Viva war eine einzigartige Spielfläche für uns. Das Privatfernsehen insgesamt hat vieles verändert, RTL ist da in erster Linie zu nennen. Aber auch große Produktionsfirmen, die neue Ideen einbrachten.

ZEIT ONLINE: Ihr Unternehmen, Endemol Shine, damals noch Endemol, hat in den neunziger Jahren zum Beispiel Big Brother entwickelt.

Wolter: Das war ein Game-Changer, ja.

ZEIT ONLINE: Sie waren damals noch bei der Konkurrenz tätig. Aber in Ihrer heutigen Funktion als CEO von Endemol Shine: Sind Sie stolz auf Big Brother?

Wolter: Es gibt nur alle paar Jahre Sendungen, die die Unterhaltungswelt verändern. Big Brother war so eine.


ZEIT ONLINE: Die Kritik war allerdings heftig. Ich fasse mal zusammen: Big Brother vermittelt, dass Überwachung der Normalzustand ist, bedient Voyeurismus, führt Leute vor. Man könnte heute hinzufügen: Fernsehen ist damals billiger geworden – Nicht-Prominente wurden von installierten Kameras beim Nichtstun gefilmt. Man hat also gesehen, dass es mit kleineren Etats auch geht. Und so ist heute halt Fernsehen.

Wolter: Kritik bedeutet Aufmerksamkeit und Auseinandersetzung. Denn ein Format, das durchgewunken wird, ohne zu polarisieren, interessiert auch die Zuschauer nicht. Wird eine Sendung von der Kritik sehr positiv eingeschätzt, ist das für mich eher ein Warnsignal. Gerade gab es wieder ein Beispiel.