Die Pforte der Redaktion von Al Jazeera America © Brendan McDermid/Reuters

Als Al Jazeera America im August 2013 startete, waren die Erwartungen genauso hoch wie die Investitionen. Zwei Milliarden Dollar steckte die Gründerfamilie um den Emir von Katar in das Projekt, zwölf Büros eröffnete Al Jazeera America, aus den rund 12.000 Bewerbungen wurden 700 hochqualifizierte Journalisten für zwölf nationale Büros ausgewählt. Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani, schreibt der Chicago Reader, habe mit Geld um sich geworfen. 500 Millionen Dollar zahlte der Mutterkonzern allein für den Sendeplatz von Current TV, dem progressiven Medienprojekt des früheren Vizepräsidenten Al Gore.

Heute ist nicht viel geblieben vom Enthusiasmus der frühen Tage. In einer knappen E-Mail kündigte der Chef von Al Jazeera America, Al Anstey, den Mitarbeitern das Ende an. "Unser Geschäftsmodell ist schlicht nicht wirtschaftlich in einer zunehmend digitalisierten Welt, weltweite wirtschaftliche Herausforderungen belasten uns zusätzlich", schrieb Anstey in der vergangenen Woche. Die Eigentümer hätten endgültig die Geduld verloren, nachdem es mit dem Ölpreis bergab ging, hieß es anschließend aus der Branche. Zu besten Zeiten schalteten gerade mal 30.000 Zuschauer ein. Zum Vergleich: Bei CNN sind es zur Prime Time im Schnitt knapp eine Million, Fox News kommt auf mehr als 1,7 Millionen Zuschauer.

Das war anders geplant. Die Strippenzieher aus dem Emirat hofften, mit einem seriösen, unaufgeregten Journalismus genügend Zuschauer von den grellen Konkurrenten in Amerikas Fernsehlandschaft abwerben zu können, die es sich meinungsstark im linken und rechten Spektrum gemütlich gemacht haben. Bei Al Jazeera sollte es ausgewogen zugehen, von Anfang an hatte es sich das Team zur Aufgabe gemacht, jenen eine Stimme zu geben, die bei den Marktführern meist zu kurz kommen. Für den arabischen Muttersender ging es auch um Prestige. Zwar gab es seit 2006 ein englisches Programm, das auch in den USA zu empfangen war. Um aber wirklich in einer Liga mit CNN, MSNBC und Fox News zu spielen und ernst genommen zu werden, brauchte es einen amerikanischen Haussender.

Unsummen für schlechte Reichweiten

Doch schon der Start erwies sich als schwierig. Die großen amerikanischen Kabelanbieter verbannten den Sender auf die hinteren Plätze, weit weg von den anderen großen Nachrichtensendern. Wer Al Jazeera America empfangen wollte, der musste teure Extra-Pakete kaufen. "Sie investierten Unsummen in Inhalte, die für die meisten gar nicht zu erreichen waren", sagt William Lafi Youmans von der George Washington University, der gerade an einem Buch über den Sender schreibt.

Dass der Kanal weit hinten versteckt wurde, hatte nicht nur technische Gründe. Von Beginn an plagten Al Jazeera Imageprobleme. Bei den Amerikanern hielt sich seit Jahren hartnäckig das Gerücht, das Programm sei anti-amerikanisch. Der Muttersender aus Katar hatte vor Jahren Videoausschnitte des Extremistenführers Osama bin Laden weitgehend unkommentiert ausgestrahlt. Kommentatoren auf Fox News schimpften den Sender daraufhin als Sprachrohr für Extremisten, selbst der damalige US-Präsident George W. Bush warf dem Sender in seiner Rede zur Nation vor, das Land unterwandern zu wollen.

Das zeigte Wirkung. Werbekunden seien nach dem Start unter Druck gesetzt worden, ihre Kampagnen aus dem Programm zu nehmen, Abonnenten der Kabelunternehmen hätten sich bei den Anbietern beschwert, dass der Kanal überhaupt im Angebot sei, erklärt Youmans. Zwar habe der Sender sich mit der Berichterstattung während des Arabischen Frühlings bei der Elite in den USA rehabilitiert, sagt der Medienexperte. Doch dass sich das Image nie ganz abschütteln ließ, zeigte sich erst in den vergangenen Tagen wieder. In der Berichterstattung über das Ende des Senders zerrten selbst vermeintlich liberale Kollegen die alten Vorwürfe wieder hervor.

Riesiges Korrespondenten-Netzwerk

Die Macher selbst scheiterten zusätzlich an den eigenen Ansprüchen. Der Balanceakt, subversiven Journalismus zu liefern und zugleich leicht verdaulich zu bleiben, um genügend Zuschauer an sich zu binden, erwies sich als schwieriger als gedacht. Al Jazeera, witzelten Branchenkenner, habe neben Fox News gewirkt wie eine Vorlesung an der Uni neben der Premiere eines Broadway-Stücks. Die klare Linie des Muttersenders vermissten viele beim amerikanischen Ableger. Mal galt das Programm als zu langweilig, mal als altbacken, dann wieder war es zu objektiv, zu wenig objektiv oder amerikanisiert.

Am Ende waren die Geschichten häufig gefüllt mit den üblichen Experten und politischen Figuren, trotz eines riesigen Korrespondenten-Netzes kamen rund drei Viertel der Beiträge aus den Büros in Washington und New York. Al Jazeera habe mit seinem US-Ableger nicht seinen Einfluss auf Amerika ausgeweitet, sondern vielmehr Amerika jenen auf Al Jazeera, sagt Youmans. Die angeheuerten News-Veteranen hätten versucht, den Sender nach einem CNN aus längst vergangenen Zeiten zu formen.