"Ich glaube, ich bin ein besserer Schriftsteller im Schlaf als im Wachzustand", erzählt der in New York geborene Drehbuchautor und Regisseur Charlie Kaufman, ohne dabei die Miene zu verziehen. Er meint das ganz ernst und angesichts der Traumlogik seiner Drehbücher ist es vielleicht weniger erstaunlich.

Kaufman ist jener Drehbuchautor, der sich 1999 in Being John Malkovich einen Tunnel in den Kopf seines berühmten Hauptdarstellers grub und wegen Schwierigkeiten, Susan Orleans Roman Der Orchideendieb in ein Skript zu verwandeln, sich und einen fiktiven Zwillingsbruder 2002 ungeniert ins Drehbuch von Adaption schrieb. Mit Vergiss mein nicht fantasierte er schließlich 2004 eine Zukunft, in der Jim Carrey unliebsame Erinnerungen ausradieren lassen konnte. In ihrem Kern handeln all seine Filme von dem vernichtenden, rechtmäßig menschlichen Bedürfnis, etwas in dieser Welt zu bedeuten, und von der oft schmerzlichen Erkenntnis, dass das Einzige, was je Bedeutung hatte, die Sinnlosigkeit jedweder Beständigkeit ist. Ja, das Leben ist beschwerlich, Glück ist vergänglich und Liebe eine Möglichkeit.

Der Bruch mit Hollywood kam vor sieben Jahren mit Kaufmans Debüt als Regisseur, mit Synecdoche, New York. Ein weiteres Mal war der inzwischen oscarprämierte Drehbuchautor in seinen ganz eigenen Tunnel gekrochen, noch viel tiefer und bizarrer als man es von ihm gewohnt war, und dann wurde es ruhig um ihn. Welches Momentum er auch immer entwickelt hatte, erstarrte. Sein neuer Film Anomalisa ist ein exzentrisches kleines Projekt und erzählt unter der Verwendung von Stop-Motion-Animation die Geschichte eines Mannes, der versucht, in seinem weltmüden Gemütszustand Sinn zu erkennen. Das Ergebnis ist derart kokett geraten, dass Anomalisa als nicht jugendfrei eingestuft wurde.

Ein flüsternder Komiker

Seine Rückkehr hat Kaufman zu einem großen Anteil seinem Co-Regisseur, dem 36-jährigen Animator Duke Johnson, zu verdanken, der eine Crowdfunding-Kampagne für Anomalisa ins Leben rief. Er spricht heute ganz offen darüber, wie schwierig es für ihn war, Interessenten für seine Projekte zu finden. Die Gründe klingen deprimierend und man spürt, wie einsam ein Autor sich in seinem Turm der nicht nachvollziehbaren Sprache fühlen muss. Diese letzten Jahre waren, das will Kaufman verstanden wissen, keine gewollte Pause.

Kino - "Anomalisa" (Trailer)

Im Gespräch gibt Kaufman auf jede Frage eine hochgradig amüsante und eine sehr ernste Antwort. Es steckt etwas Komisches in der Begegnung mit ihm. Nicht, dass etwas besonders Seltsames an ihm wäre – wenn überhaupt, ist Kaufman seltsam normal. Aber aufgrund seiner Filme könnte man einen befremdlichen, kraushaarigen, verkopften Einsiedler erwarten, der das Rampenlicht scheut wie der Teufel das Weihwasser und der seine Arbeit lieber für sich sprechen lässt. Doch der 1,62 Meter kleine Filmemacher ist zutiefst liebenswert. Seine kompromisslose Kunstfertigkeit und aufrichtige Art zu sprechen stehen im angenehmen Kontrast zum immer heiteren "Everything is awesome"-Gehabe vieler anderer Hollywoodpersönlichkeiten. Charlie Kaufman ist durchaus heiter, aber er hat keine Performance-Seite. Er würde seine Witze wohl flüstern, könnte man sie dann noch verstehen. "Ich bin an psychischen Störungen interessiert", sagt er also leise. Aber er weiß, dass man damit in der Regel keine Gassenhauer in Hollywood macht und auch keine Action-Figuren verkauft.

In den Drehbüchern, die auf sein Debüt Being John Malkovich folgten, hat er seine Suche nach den Konturen der menschlichen Existenz fortgesetzt und die Regiekarrieren von Spike Jonze, Michel Gondry und George Clooney lanciert. "Es ist, als ob Jorge Luis Borges nach Hollywood gekommen und zum Ereignis der Stadt geworden wäre", schrieb die L.A. Times 2004 anlässlich des Starts von Vergiss mein nicht.