Nina Kunzendorf als LKA-Ermittlerin Ursula Thern in "Das Programm" © ARD Degeto/Christiane Pausch

Ein Verbrecher wird im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses auf den Hof geführt. Gemessen an seiner bedrückenden Situation wirkt er viel zu ruhig und selbstsicher. Während er aus Aluminiumfolie ein Einhorn formt, schaut er immer wieder auf die Turmuhr am Rande des Geländes.

Eine junge Frau schlüpft während des Violinen-Vorspiels in einen großen Konzertsaal, um heimlich einem jungen Mann beim Spielen zu lauschen. Später erwartet sie ihn draußen in freudiger Erregung.

Mehrere zivile Einsatzkräfte der Polizei bereiten sich darauf vor, einen Mann aus einem heruntergekommenen, bewachten Gebäude ins Gericht zu bringen, wo er gegen einen berüchtigten Verbrecher aus dem osteuropäischem Raum aussagen soll. Auch Ursula Thern (Nina Kunzendorf), die Leiterin des Einsatzes, verströmt ruhige Selbstsicherheit und unaufgeregt professionelle Wachsamkeit.

Der Geschäftsführer einer Berliner Privatbank telefoniert mit einem Kunden. Später sieht man ihn zu Hause, beim Versuch, ein guter Familienvater zu sein, für seinen kleinen Sohn, der heute Geburtstag hat und für seine Frau, die befremdlich kühl auf ihn reagiert.

Wenn Menschen und ihre Strategien aufeinandertreffen

Vier Szenen, die – das suggeriert der Schnitt – irgendwie zusammenhängen müssen, obwohl sie in wenigen, gut gesetzten Strichen völlig unterschiedliche Situationen, Lebensräume und Stimmungen skizzieren. Genau davon erzählt Das Programm: wie alles zusammenhängt, in einem komplizierten Gefüge unterschiedlicher Interessen. Wie Spannungen entstehen, wenn Menschen mit ihren Gefühlen und Strategien aufeinandertreffen. Ebenso behutsam wie effizient ziehen der Autor Holger Karsten Schmidt und der Regisseur Till Endemann die Fäden zusammen, um sie im weiteren Verlauf immer wieder auf Zerreißproben zu stellen.

Zeugenschutz ist in Filmen meistens nur der Motor des dramatischen Geschehens, irgendwie glamourös und gefährlich. Oder komisch wie in dem Film Malavita oder der Serie Lilyhammer, in denen New Yorker Mafiosi zum eigenen Schutz aufs Land versetzt werden. Dort kollidiert ihr urbaner Lebensstil mit der provinziellen Abgeschiedenheit. Doch in der zweiteiligen Miniserie Das Programm geht es nicht darum, den absurden Witz solcher Situationen auszuspielen, sondern minutiös zu durchdringen, was Zeugenschutz für alle Beteiligten wirklich bedeutet, für die Familie, die aus ihrem Leben gerissen wird, für die Familienmitglieder und Freunde, die im Ungewissen zurückbleiben, aber auch für die Zeugenschützer, die für die Dauer des Einsatzes zur Ersatzfamilie zusammenwachsen.

So wie Autor und Regisseur in ihrem Fernsehfilm Auslandseinsatz erkundeten, was deutsche Soldaten beim Isaf-Einsatz in Afghanistan erleben, nähern sie sich nun auch dem Zeugenschutz, mit sorgfältiger Recherche und genauer Beobachtung: "Mich hat unheimlich gereizt, dass vom Produzenten schon sehr früh der Kontakt hergestellt wurde zu zwei Personen, die den Zeugenschutz in Deutschland quasi begründet haben", erzählt Till Endemann. "Daraus ist für mich der dokumentarische Reiz erwachsen, ein Wissen darum, dass wir uns das, was wir erzählen, nicht einfach ausgedacht haben. Sie waren ständige Berater, deren Anmerkungen im Drehbuch und im Verlauf der Arbeit immer wieder zu Feinjustierungen geführt haben, die auch den Schauspielern geholfen haben, wenn sie Fragen hatten, bis in die Details, zum Beispiel ob und wann ein Zeugenschützer die Waffe bei sich trägt."

Echte Kinoqualitäten

Diese feinen Nuancen der Wirklichkeit gehen sonst im Fernsehen so oft verloren. Das Programm heben sie deutlich aus dem öffentlich-rechtlichen Mittelmaß hervor und geben der Miniserie echte Kinoqualitäten. Das haben auch die Produzenten erkannt, die ihr einen Weltvertrieb verschafft haben. Die Genauigkeit des Blicks und die Nähe zu den Menschen hat sich Till Endemann schon im Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg angeeignet: "Ich habe Dokumentarfilm studiert und das auch sehr gern getan. Ich hatte wunderbare Lehrer wie Volker Koepp und Thomas Schadt, von denen ich den Blick auf die Realität und den Umgang mit Menschen gelernt habe, den Blick für Werte und Moral und die behutsame Herangehensweise an Figuren und Menschen."

Die fragile Verbindung von wahrhaftiger Realität und zugespitzter Fiktion zeichnet alle Arbeiten von Till Endemann aus, vom frühen Spielfilm Das Lächeln der Tiefseefische, in dem er einige Teenager eine Sommerwoche lang beim Erwachsenwerden unter schwierigen Umständen begleitete, bis zu den harten Stoffen von Fernsehfilmen wie Flug in die Nacht über das Flugzeugunglück von Überlingen oder das Kriegsdrama Auslandseinsatz. Die genaue, fast dokumentarische Recherche des jeweiligen Arbeitsumfeldes ist Till Endemann selbstverständliche Grundlage seiner Arbeit, auch Das Programm basiert auf Versatzstücken aus drei realen Fällen: "Ich empfinde es als sehr große Herausforderung und Verantwortung, die Gratwanderung hinzubekommen zwischen einem respektvollen Umgang mit der Realität und den Möglichkeiten der Fiktion, die in der Verdichtung und Emotionalisierung liegen."