Die Geschichten, die Friedemann Fromm in den vergangenen Jahren im deutschen Fernsehen realisiert hat, sind entweder historische Stoffe, die in der Gegenwart nachwirken, oder sie kreisen um aktuell virulente Themen wie Amokläufe oder Medizinskandale. Wichtiger als das große Thema ist ihm, dass ihn der Stoff persönlich berührt, wie der Regisseur im Telefongespräch direkt vor der Postproduktion seines neuesten Fernsehfilms Der lautlose Schrei erzählt: "Ich muss einen Ansatz finden, der sich nicht unbedingt über das Thema definiert." 

Das gilt spürbar auch für seinen neusten Coup, die sechsteilige Miniserie Die Stadt und die Macht, die von diesem Dienstag bis Donnerstag in jeweils zwei Folgen pro Abend in der ARD ausgestrahlt wird. Im Zentrum steht die leidenschaftliche Rechtsanwältin Susanne Kröhmer (Anna Loos), die als Kandidatin der konservativen CDP gegen den populären Berliner Regierenden Bürgermeister Manfred Degenhardt (Burghart Klaußner) von der SDU antritt.

Auf ihrem Weg an die Macht muss sie harte persönliche Entscheidungen treffen: Wie lassen sich politische Karriere und privates Familienleben vereinbaren? Welche Kompromisse muss man eingehen und wann muss man für die eigenen Werte Stellung beziehen, beispielsweise gegen den Spindoktor Andreas Lassnitz (Martin Brambach), der nur das bestmögliche Ergebnis vor Augen hat, oder gegen den eigenen Vater (Thomas Thieme), der ihr Vorbild und Mentor ist, im Berliner Korruptionssumpf aber eine zentrale, unrühmliche Rolle spielt. 

Die Art wie hier die Politik mit dem Verbrechen in einem Wettlauf gegen die Zeit verzahnt ist, wie hier eine Politikerin auf dem Weg zur Macht schmerzliche Kompromisse eingehen muss und wie dunkle Familiengeheimnisse aus der Vergangenheit hochbrodeln, erinnert an grandiose skandinavische Serien. Keine schlechte Abstammungslinie, doch Die Stadt und die Macht muss sich nicht mit fremden Federn schmücken, weil die Miniserie glaubhaft aus dem Berliner Politiksumpf heraus erzählt ist, in dem sich ja auch in Wirklichkeit viele der Macher bereichern. Und weil sie sich liebevoll auf den Schauplatz Berlin einlässt, den Fromm schon in seinem Doku-Drama Die Wölfe ernst genommen hat – auch wenn jetzt im Vorspann die Szenen aus dem Berliner Stadtleben ein bisschen zu hektisch geschnitten und montiert sind. 

Friedemann Fromm und sein Bruder und regelmäßiger Co-Autor Christoph Fromm wissen, dass es nicht reicht, ein Serienkonzept aus anderen Nachbarländern zu kopieren, dass Serien, die hierzulande Erfolg haben sollen, aus dem deutschen Lebensalltag heraus erzählt werden müssen. Die Deutschen hinkten da eben immer ein bisschen hinterher, seien langsamer als die Amerikaner: "Darum haben ja auch diese ganzen Klone amerikanischer Formate hier überhaupt nicht funktioniert", sagt Fromm, der weiß, dass sich eine großartige Politserie wie House of Cards nicht auf Deutschland übertragen ließe, da solche Serien eben ein amerikanischer Umgang mit Politik seien, mit amerikanischen Figuren, die einem hier niemand abnehmen würde: "Wir müssen einen deutschen Weg finden."

Von Staffel zu Staffel komplexer

Fromm erinnert sich an die Diskussionen, die er bei der ersten Staffel Weißensee führen musste. Da hieß es, man müsse die Zuschauer mit dieser horizontal erzählten Geschichte aus den Wendezeiten vorsichtig da abholen, wo sie stehen und erst danach langsam mit jeder Staffel komplexer und moderner werden. "Wenn die Leute von Anfang an gewusst hätten, dass sie sich auf so eine Komplexität einlassen müssen, hätte das nicht funktioniert", sagt Fromm. 

Im vergangenen Herbst lief die dritte Staffel, in der die beiden Familien den Fall der Mauer erleben, und eigentlich kann sich niemand vorstellen, dass diese etablierte Marke jetzt einfach fallen gelassen wird, dass man nicht miterleben darf, wie es den Familien Kupfer und Haussmann in den Nachwendejahren ergeht. Es ist Friedemann Fromm gelungen, einen Kosmos zu schaffen, der innerhalb dieses Landes funktioniert und glaubhaft ist, "nicht absolut realistisch, aber glaubhaft". Gerade arbeitet er mit seinem Bruder an einem Stoff für einen Streaming-Dienst, der auch international funktionieren soll. 

Auf dem Serien-Terrain hat Friedemann Fromm zusammen mit Produzentin Regina Ziegler in Deutschland Pionierarbeit geleistet. Nach dem ersten Projekt für Ziegler-Film, Vom Ende der Eiszeit, bewies die Produzentin das richtige Händchen, als sie ihm 2009 das von der Nachkriegsgeschichte bis zum Mauerfall spannende Doku-Drama Die Wölfe anbot, eine fiktionale Geschichte mit dokumentarischem Ansatz. Ein Jahr darauf folgten schon die erste Staffel Weißensee, die als Türöffner für deutsche Serienerfolge gilt, und die Fernsehfilme Jenseits der Mauer und Hannas Entscheidung: "Es ist natürlich großartig, jemanden an seiner Seite zu haben, der auch den Mumm hat, im Ernstfall für ein Projekt zu kämpfen!" sagt Fromm. "Wenn ich mit Partnern zusammenarbeite, die zu mir passen, dann muss ich auch hierzulande gar nicht so große Widerstände überwinden."