Claudia Michelsen als Pastorin Judith in dem ARD-Film "Im Zweifel". © ARD

Zuerst sieht man: zwei Pferde auf dem Acker, im Hintergrund Chorgesänge. Dann fliegt ein Auto in Zeitlupe von rechts ins Bild, die Funken sprühen, es dreht sich mehrmals in der Luft, um dann auf der Seite zu landen. Mit diesem Bild, dem kein besseres folgen wird, beginnt der Film Im Zweifel.

Judith Ehrmann (Claudia Michelsen) wird an diesem Abend zu dem Unfallort gerufen. Sie ist Pfarrerin einer kleinen Gemeinde in Brandenburg und Unfallseelsorgerin. In den Unfall war ein zweiter Wagen verwickelt, der Fahrer ist geflohen. Die Lichter der Rettungsfahrzeuge und die Warnwesten leuchten in der Nacht. Es herrscht Unruhe, die Kamera von Leah Striker ruckelt. Ehrmann ist hier, um Beistand zu leisten. Sie kümmert sich um den Augenzeugen, der unter Schock steht, um die Eltern des 18-jährigen Fahrers, der verletzt ins Krankenhaus muss. Die 16-jährige Lisa saß mit ihm im Auto, sie stirbt noch an der Unfallstelle. "Vielleicht können Sie noch etwas sagen", fragt jemand.

Gemeinsam mit dem Kommissar Markus Minow (Thomas Loibl) fährt Ehrmann zu Lisas Eltern, um ihnen zu sagen, dass ihre Tochter gestorben ist. Die Eltern sind noch nicht zu Hause, also warten Ehrmann und Minow im Auto, essen belegte Brote und Gewürzgurken. Leah Striker filmt kurz darauf die Reaktion der Eltern von außen, durch das Fenster ihres Hauses. Ihre wütenden Stimmen dringen nur gedämpft nach draußen.

Familie oder Gerechtigkeit

In diesem Film von Aelrun Goette (Regie) und Dorothee Schön (Drehbuch) geht es um große Themen: Wahrheit, Schuld, Zweifel. Die Pfarrerin Ehrmann vertritt in ihrer Gemeinde die kirchliche Moral. Die Erwartungen der anderen an sie sind hoch. Und auch sie selbst fordert von sich Ehrlichkeit, Vertrauen und Verständnis. "Die heilige Judith von Brandenburg" nennt ihr Ehemann Christoph (Henning Baum) sie einmal.

Am Morgen nach dem Unfall bemerkt Ehrmann einen Schaden am Wagen ihres Mannes. In dem Moment beginnt sie zu zweifeln: Saß ihr eigener Ehemann in dem zweiten Auto? Hat er das Mädchen auf dem Gewissen?  Wieso wirken er und ihr gemeinsamer Sohn Paul (Jordan Dwyer), als hätten sie ein Geheimnis? Die Frage ist: Überwiegt der Anspruch, für Gerechtigkeit zu sorgen, auch dann, wenn es um die eigene Familie geht?

Leise leiden

Ehrmann bekommt das Angebot, nach Berlin zu gehen und die neue Landesbischöfin zu werden. Die Kirche drängt auf eine Entscheidung. Ihr Mann wirft ihr vor, nur an sich und ihre Arbeit zu denken. Auch mit ihrem Sohn, der mit der toten Lisa in einer Stufe war, gibt es Ärger. Von allen Seiten bekommt sie Prügel. In ihrem Glauben, in ihrer Familie – überall, wo sie ehemals Trost finden konnte, regiert nun der Zweifel.

Das ist alles durchaus sehenswert, auch wenn einem der Film länger vorkommt, als er ist. Als Pfarrerin und Unfallseelsorgerin muss Ehrmann stark sein, um für andere da sein zu können. Sie ist keine Frau, die schreit oder um sich schlägt. Dem Film gelingt es jedoch, ihren Zweifel erfahrbar zu machen, indem er sich ganz auf die Figur konzentriert. Es gibt keine Szene ohne Ehrmann. In diesem Film ist der Zweifel ein leises Gefühl, das seine Protagonistin beißend quält. Im Kleinen bricht die Aufklärung immer wieder aufs Neue aus. Niemand hat behauptet, es würde Spaß machen.

"Im Zweifel" läuft am Samstag, den 30. Januar, 20.15 Uhr im Ersten.