Es wirkt wie eine gespenstische Weissagung. Da sitzt Tignous, Karikaturist des Satiremagazins Charlie Hebdo vor der Kamera, lächelt und sagt: "Wenn wir unsere Zeichnungen, die wir auch selbst schockierend finden, veröffentlichen, tun wir das natürlich, um eine Reaktion zu provozieren. Sonst würde es ja keinen Sinn haben. Sonst bräuchte man uns ja nicht." Am 7. Januar 2015 wurden er und sieben seiner Redaktionskollegen von islamistischen Terroristen erschossen. Die Aufnahme ist acht Jahre alt und Tignous konnte nicht wissen, dass er auf die furchtbarste Weise recht bekommen würde.

Noch am Tag des Anschlags beschlossen die Filmemacher Daniel und Emmanuel Leconte, über das Attentat auf Charlie Hebdo einen Dokumentarfilm zu drehen, der nun unter dem Titel Je suis Charlie am 1. Jahrestag des Massakers in die Kinos kommt. Die Lecontes begleiteten die Überlebenden in die Räume der Tageszeitung Libération, wo diese in einem Kraftakt nur eine Woche später eine weitere Ausgabe ihres Magazins erstellten. Man sieht sie an improvisierten Redaktionstischen unter dem Dach von Libération mit roten Augen zeichnen, tippen. "Wir werden euch wieder zum Lachen bringen, denn das ist alles, was wir können", sagt einer.

Möglich war diese unmittelbare Nähe der Filmemacher zu den Betroffenen, weil Daniel Leconte bereits 2008 einen Dokumentarfilm über Charlie Hebdo gedreht hatte: Es ist hart, von Idioten geliebt zu werden. Im Jahr 2006 hatte das Magazin als eines der ganz wenigen französischen Medien überhaupt die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung Jyllands-Posten nachgedruckt, die nach ihrem Erscheinen Proteste und gewaltsame Ausschreitungen in mehreren arabischen Ländern zur Folge gehabt hatten. Französische Islamverbände verklagten deswegen den damaligen Chefredakteur von Charlie Hebdo, Philippe Val: Der Abdruck sei "ein vorsätzlicher Akt der Aggression" gewesen. Am 3. März 2007 wurde der Prozess jedoch zugunsten der Meinungsfreiheit und Charlie Hebdo entschieden.

Daniel Leconte begleitete damals den Prozess, dokumentierte die in Frankreich lebhaft geführte Debatte und interviewte auch die bekannten Redaktionsmitglieder: neben Tignous den Herausgeber Charb, die Zeichner Cabu, Wolinski und Honoré sowie den Wirtschaftskolumnisten und Mitinhaber Bernard Maris. Sie alle wurden acht Jahre später Opfer der Terroristen.

Dieses umfangreiche Material sollte die Grundlage für ihren spontan entschiedenen, zweiten Dokumentarfilm werden, schreibt Emmanuel Leconte zum Erscheinen von Je suis Charlie. Erst einige Wochen nach dem Anschlag gingen die Filmemacher auch auf die Überlebenden zu und baten sie einzeln vor die Kamera.

Ein paar sind nun mit ihren erschütternden Augenzeugenberichten in langen Sequenzen in dem Film zu sehen: Eric Portheault, der Geschäftsführer, der das Massaker in einem Nebenraum überlebte, beschreibt das Geschehen wie einen Horrorfilm, den er gegen seinen Willen mit ansehen musste. Der noch Wochen nach dem Anschlag wie versteinert wirkende Riss, der heute die Redaktion leitet, wurde von einer Kugel an der Schulter getroffen, überlebte, während neben ihm der damalige Herausgeber Stéphane Charbonnier alias Charb starb. Coco, die junge Karikaturistin, war die erste, die den Attentätern begegnete. Sie wurde im Treppenhaus mit vorgehaltener Kalaschnikow gezwungen, den Sicherheitscode am Türschloss der Redaktionsräume einzutippen. Vor allem in ihrer Darstellung wird das Unfassbare am greifbarsten, weil sie eine Situation beschreibt, die man sich als friedensgewohnter Mitteleuropäer am ehesten vorstellen kann: Wie unwirklich es sich anfühlen muss, in der Zigarettenpause von einer Kalaschnikow bedroht zu werden und – den sicheren Tod vor Augen – zu etwas gezwungen zu werden, was den Tod der eigenen Kollegen bedeuten wird.