Kurt Russell 1981 als Snake Plissken in John Carpenters "Die Klapperschlange" © AVCO Embassy Pictures

Es kann ein Lied sein. Ein Buch. Nur ein Bild womöglich. Viele Menschen haben so etwas: ein Stück Kunst, das irgendwann Teil ihres Lebens wurde. Das sie herausholen, wenn es mal eng wird. Wenn sie sich erinnern wollen an bessere Tage. An ihre strahlende Jugend, an unbeschwerte Momente. Im Fall der beiden Autoren dieses Textes ist es ein Film.

Kein Meisterwerk im feuilletonistischen Sinne. Ohne Oscars. Aber ein Film, der in mehrerlei Hinsicht Geschichte schrieb. Große Geschichte fürs Kino. Und kleine für eine erstaunlich hohe Zahl von heute Endvierzigern, die weltweit, wenn sie seinen Titel hören, wieder zu Kindern werden: Die Klapperschlange, im Original Escape From New York, was fraglos besser klingt, zumal im gesamten Film keine Klapperschlange auftaucht. 1981 entstand dieser düstere Actionfilm rund um einen Helden wider Willen: Snake Plissken.

Berlin. Ritz-Carlton. Vor uns zwei Gläser Champagner und hinter uns eine Begegnung, die bleibt. Kurt Russell ist in der Stadt. Zusammen mit Quentin Tarantino und Jennifer Jason Leigh ist er gekommen, um über seinen neuen Film zu sprechen: The Hateful Eight, ein elendslanger, aber zweifelsfrei sehenswerter Western, in dem zunächst Dialoge fließen und dann Blut strömt. Tarantino eben. Der hat sich für seine Hauptrolle Kurt Russell ausgesucht, so hätten wir es auch getan. Zahlreiche Regisseure nennen Escape From New York als Antwort auf die Frage nach den Filmen, die in ihnen den Traum von Hollywood wachsen ließen. Robert Rodriguez, alter Tarantino-Kumpel seit From Dusk Till Dawn, gehört dazu: "Dieser Film hat mich zu dem werden lassen, der ich bin."

Russell, mittlerweile 64 und PR-erfahren, kennt seinen Auftrag. Wir ebenso. Er soll Werbung für The Hateful Eight machen. Und wir lassen ihn erst mal reden.

Kino - "The Hateful Eight" (Trailer)

Alle mussten "Das Ding" sehen

"Ich erinnere mich genau daran, was ich empfand, als mir Quentin das Drehbuch zuschickte. Meine Rolle, John Ruth, packte mich sofort, und sie ließ mich nicht mehr los. Eine echte Western-Ikone. So einen Typen habe ich noch nie gespielt."

So oder so ähnlich reden Schauspieler eigentlich immer. Was er erzählt, stimmt aber nur bedingt, mag man einhaken und erinnert sich an Kurt Russell als R. J. MacReady in John Carpenters Das Ding aus einer anderen Welt oder an seine Rolle als Wyatt Earp in Tombstone. Beides bärtige, kantige, entschlossene Kerle und nicht so verschieden von diesem Kopfgeldjäger John Ruth. Es ist bekannt: Tarantino nötigte das gesamte Hateful-Eight-Ensemble vor Drehbeginn gar, gemeinsam Das Ding anzusehen. Weil die Ausgangssituation eben die gleiche ist. Eine Horde Männer wird gezwungen, eine Weile auf engstem Raum zu verbringen. Sie beginnen, einander zu misstrauen, die Paranoia greift um sich, und am Ende überstehen den Wahnsinn, der folgt, nicht allzu viele.

"Die Klapperschlange" wurde 2010 auf DVD in Deutschland neu aufgelegt. © Constantin Film

Zeit, das Gespräch aufs Wesentliche zu lenken. Wie zufällig wandert eine DVD auf den Tisch. Das Titelbild zeigt Snake Plissken, den Kopf der Freiheitsstatue im Hintergrund, vorn der Held mit Waffe, locker aufs Knie gestützt.

"Oh Gott. Ich erinnere mich genau daran, als wir das aufgenommen haben. Neun Monate vor Drehbeginn. Schauen Sie sich das an, ich sehe richtig füllig aus. Da war ich noch lange nicht in Form. Und die Idee mit dieser Schlange auf dem Arm haben wir damals auch schnell wieder verworfen." Tatsächlich prangt auf Plisskens Arm auf dem Foto die ärmliche Kinderzeichnung einer Schlange, die es später im Film nicht mehr gibt.

"Das Tattoo musste auf den Bauch. Das habe ich nach den Aufnahmen allen gesagt, und schließlich konnte ich sie überzeugen. Snake Plissken trägt sein Schlangen-Tattoo dort. Nirgendwo sonst. Als direkte Schwanzverlängerung."

Die Motive, aus denen heraus sich auch einer von uns beiden vor Jahren eine Schlange auf den Bauch tätowieren ließ, waren andere. Sie ist feiner gezeichnet, kein großer schwarzer Fleck, wie ihn Plissken trägt. Und doch, das stand immer fest, konnte und durfte die einzige Tätowierung im Leben nur eine Kobra sein. Nicht als Extension der Männlichkeit gedacht, sondern schlicht als Dank. Es gibt wenige, sehr wenige Dinge im Leben eines Mannes, mit denen er nur Gutes verbindet.

"Holy shit. Die ist echt, oder?"