Lisa Wagner als Beate Zschäpe in "Letzte Ausfahrt Gera" © ZDF

Ein bisschen bange muss dem ZDF wohl gewesen sein, als Beate Zschäpe vergangenen Donnerstag aussagte. 54 Fragen des Gerichts hatte die Hauptangeklagte im NSU-Prozess schriftlich beantwortet und ließ nun alles von ihrem Verteidiger Hermann Borchert vorlesen. Zschäpes Stimme hat auch nach drei Verhandlungsjahren noch kein Prozessbeobachter gehört. Eine ganze Reihe von Helfern des NSU hat sie genannt und den Mitangeklagten Andre E. schwer belastet. Ansonsten sagte Zschäpe, dass sie heimlich Sekt getrunken habe, dass sie keine Kinder bekommen könne, dass Mundlos und Bönhardt die gleiche politische Einstellung hatten, dass sie Bönhardt geliebt und dass sie mal einen Fahrradunfall und eine Bahncard gehabt habe.

Das ZDF-Dokudrama Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe wurde von ihren Antworten allerdings nicht durchkreuzt. Am 25. Juni 2012 durfte Beate Zschäpe während ihrer Untersuchungshaft ihre kranke Oma besuchen. Auf der Autofahrt von der Haftanstalt Köln nach Gera wurde sie von zwei BKA-Beamten begleitet. Im Film heißen sie Troller (Joachim Król) und Dietrich (Christina Große). Zschäpes damaliger Verteidiger Wolfgang Heer hatte angeordnet, dass während der Fahrt keine Vernehmung stattzufinden habe. Ein bisschen geplaudert wurde aber schon. Über diese Plauderei fertigten die BKA- Beamten nach der Fahrt zu Zschäpes Oma ein Protokoll an, das nun diesem Dokudrama zugrunde liegt.

Smalltalk sei alles gewesen; man habe sich zum Beispiel über Katzen unterhalten, sagte der begleitende BKA-Beamte später als Zeuge vor Gericht aus. Aus so einem Smalltalk, muss sich Regisseur Raymond Ley gesagt haben, lässt sich doch ein Drehbuch machen. Herausgekommen ist eine Mischung aus Gesprächen mit Familienangehörigen der NSU-Mordopfer, Statements des Thüringer NPD-Funktionärs Patrick Wieschke, der Jenaer Linken-Politikerin Katharina König, nachgespielte Zeugenaussagen aus dem NSU-Prozess und fiktionale Szenen aus dem Zusammenleben Zschäpe, Mundlos, Böhnhard – eingebettet in die Autofahrt zur Oma. Das klingt nach Mainzer Allerlei.

Die narzisstische Fassade

Produzent Nico Hofmann sagt, der Film sei der Versuch einer psychologischen Annäherung an eine Frau, die fast maskenhaft für eines der schwersten rechtsradikalen Verbrechen in der Geschichte unseres Landes vor Gericht stehe und der Versuch einer Analyse und Einordnung des NSU anhand vieler Recherchen, die weit über die Person Beate Zschäpe hinausreichten. Gewiss. Und doch würden wir gern auf diesen Versuch verzichten. Man kann sich nicht erinnern, wann einem Angeklagten bei einem laufenden Gerichtsverfahren ein so großes mediales Interesse entgegenschlug.

"Unser Film schaut", so Ley, "hinter die narzisstische Fassade der Beate Zschäpe." Nein, er schaut eben nicht dahinter; er bedient sie. Was sollte ein Dokudrama erklären können, was bisher keine Gerichtsverhandlung beleuchten konnte? Zschäpe gibt bis heute die undurchschaubare, die unberührbare, unnahbare und unglückliche Frau, die von Waffen und Morden nichts gewusst haben will. Längst ist ihr der Gerichtssaal zur Bühne geworden. Man weiß nie, welche Rolle sie spielen wird.

Mal erscheint sie im Hosenanzug, mal im T-Shirt, mal trägt sie die Haare fast schon walkürenhaft offen, mal wieder mädchenhaft zum Zopf und mit Glitzerspange. Zschäpe ist die biedere Kleinbürgerin, die ein juden- und ausländerfreies Deutschland will, sie ist ein böses, vom Leben vernachlässigtes 41-jähriges Mädchen, die Frau aus einfachen Verhältnissen, ein rechtsradikales Schneewittchen, das zwischen Ekel und Faszination eine ganze Bandbreite von Empfindungen hervorruft.

Erotik der Gewissenlosigkeit

Zehn Morde gehen auf das Konto des NSU-Trios, und es stellt sich die Frage, ob es wirklich eine gute Idee ist, dieser Frau durch ein Dokudrama noch zu weiterer Öffentlichkeit zu verhelfen. Lisa Wagner hat Beate Zschäpe genau beobachtet; der Blick, die Körperhaltung, die provokante Stille, das Oszillieren zwischen lasziver Rigorosität und provokanter Gelassenheit, zwischen kaltblütigem Charme und charmanter Kaltblütigkeit und ja, auch die aufblitzende Erotik der Gewissenlosigkeit – all das hat Wagner, die sich Prozesse am Münchner Oberlandesgericht angeschaut hat, gut studiert.

Und auch sie fürchtet, "dazu beizutragen, dass man sich über Gebühr mit Frau Zschäpe befasst, die dies ja auch zu genießen scheint, und dass der Fokus wieder einmal von den Opfern zu den Tätern wandert. Der Wunsch und Drang, zu verstehen, hat aber letztlich überwogen und dazu geführt, sich der Herausforderung zu stellen".

Täterin als Star

So ließe sich nun aber alles Mögliche begründen. Entschuldigen aber noch lange nicht. Hier steht 90 Minuten eine Frau im Mittelpunkt, die dort einfach nicht hingehört. Wunsch, Drang und Herausforderung: Hier wäre es die größere Leistung gewesen, ihnen nicht nachzugeben. Fast zeitgleich zu Leys Dokudrama werden in den Münchner Kammerspielen die NSU-Protokolle in einer Bühnenfassung gelesen. Und ebenfalls in diesem Jahr wird die ARD mit einem Dreiteiler von Christian Schwochow über den NSU aufwarten. Der erste Teil mit Anna Maria Mühe als Beate Zschäpe wurde gerade abgedreht.

Der Spuk erreicht auch das Kino, denn die Münchner Constantin Film hat die NSU-Geschichte auch schon in Angriff genommen. Das hätte sich Beate Zschäpe in ihren braunsten Träumen nicht ausgemalt, dass sie einmal so berühmt werden würde. Wie moralisch verkommen ist die Filmindustrie, eine Täterin zu einem Star zu machen? 

Dem mit acht Schüssen ermordeten Nürnberger Blumenhändler Enver Şimşek, dem mit drei Schüssen getöteten Hamburger Gemüsehändler Süleyman Taşköprü, der mit einem gezielten Kopfschuss niedergestreckten Polizistin Michèle Kiesewetter wird diese Berühmtheit wohl nicht mehr widerfahren.

"Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe" läuft am Dienstag, den 26. Januar, um 20:15 Uhr im ZDF.

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