Ganz in weiß: Die Oscarnominierten in der Kategorie "Beste Schauspielerin" © reuters

Seit die Academy of Motion Picture Arts and Sciences die Nominierten für die diesjährigen Oscars bekannt gegeben hat, streiten die USA wieder über Rassismus. Die Kritik: Wenn man die Galerie der 20 Oscarkandidaten in den wichtigsten Schauspielkategorien abschreitet, kommt man sich vor wie in einem rhodesischen Kolonialclub. Die Hautfarben der Nominierten decken eine Diversitätsspanne ab, die ungefähr von Irisch-Blassweiß bis Schwedisch-Blendweiß reicht. Und das schon zum zweiten Mal in Folge: Bereits 2015 waren ausschließlich Weiße nominiert.

"Niemand möchte darüber reden, aber in seiner Geschichte war Hollywood eine der rassistischsten Institutionen des Landes", sagte der Regisseur Stanley Nelson vor einem Jahr. Kurz zuvor hatte der Schauspieler Chris Rock einen Essay veröffentlicht, der um diesen zentralen Satz kreiste: "Es ist eine weiße Industrie." Die Diskussion über Film und Hautfarbe reißt bis heute nicht ab. Die Schauspielerin Zoe Kravitz nannte Hollywood "die rassistischste Industrie des Landes", und Will Smith sagte dem Branchenmagazin Hollywood Reporter, dass selbst er immer noch mit Vorurteilen zu kämpfen habe.

Erst kürzlich musste sich die Branche schon wieder entschuldigen: Das Lionsgate-Studio hatte den Kostümfilm Gods of Egypt ausschließlich mit weißen Schauspielern besetzt, obwohl alle Figuren in dem Film Ägypter sind. Nordafrikanisch aussehende Männer bekommen in Hollywood nur dann Jobs, wenn Rollen als Terroristen zu vergeben sind. "Wir sind unseren eigenen Ansprüchen nicht gerecht geworden", sagte der Regisseur Alex Proyas, nachdem ihn die Öffentlichkeit tagelang gegrillt hatte. Dass der oscarprämierte Film 12 Years a Slave über die Geschichte der amerikanischen Sklaverei von dem britischen Regisseur Steve McQueen gedreht wurde, sahen viele als Zeichen für die mangelnde Selbstreinigungskraft der amerikanischen Filmindustrie. McQueen kommt aus der englischen Kunstwelt und musste sich den Karrieremechanismen Hollywoods nie aussetzen.

Kodak war blind für Schwarz

Lange Zeit war in den USA sogar die Bildtechnik noch rassistisch: Bis in die neunziger Jahre war die Farbabstimmung der geläufigsten Kodak-Filme auf weiße Haut optimiert. Helle Töne waren auf den Bildern gut zu erkennen, während die Gesichter von Schwarzen aussahen wie schlecht kopierte Rorschachtests. Erst als die Hersteller von Schrankwänden und Schokolade bei dem Unternehmen Beschwerde einlegten, weil sie in ihren Werbespots die unterschiedlichen Farbtöne ihrer Produkte nicht darstellen konnten, entwickelte Kodak spezielle Filme für dunkle Farben.

Nach dem Oscarfiasko läuft jetzt jedenfalls erneut die nationale Selbstbefragung: Der Regisseur Spike Lee machte umgehend die Machtstrukturen in den Studios verantwortlich, in denen es keinerlei schwarze Manager gebe. Die Washington Post listete gleich acht Filme auf, in denen schwarze Schauspieler schwarze Geschichten erzählen und die eine Nominierung verdient hätten. Und die New York Times bemerkte, dass es sich selbst bei jenen Kandidaten, die für ihre Mitarbeit an schwarzen Filmen nominiert wurden, um Weiße handelt.

Das Boxer-Drama Creed zum Beispiel erhielt zwar eine Nebendarsteller-Nominierung, allerdings nur für den einzigen weißen Schauspieler des gesamten Films: Sylvester Stallone. Straight outta Compton, ein Film, in dem Weiße vor allem als prügelnde Polizisten und schmierige Heuchler auftauchen, wurde zwar für einen Drehbuch-Oscar nominiert. Allerdings sind beide Autoren weiß. "Das sieht wirklich nicht gut aus", zitiert die Times ein zerknirschtes Jury-Mitglied. Das ist in Hollywood natürlich mindestens doppelt so schlimm wie anderswo.