Es ist noch nicht lange her, da hat der Regisseur Christian Schwochow gesagt, er mache nur Filme, die er sich selbst gern anschauen würde. Schwochow hat sich mit Der Turm, Bornholmer Straße oder Novemberkind einen Namen gemacht. Vor zwei Jahren inszenierte er am Deutschen Theater Lot Vekemans Gift. Seine Premiere als Theaterregisseur fand Zuspruch, aber mit Schauspielern wie Dagmar Manzel und Ulrich Matthes konnte auch eigentlich kaum etwas schief gehen. Jetzt hat Schwochow für das ZDF den Zweiteiler Die Pfeiler der Macht gedreht, und man muss leider sagen: Hier geht vieles schief. Die Adaption des Romans von Ken Follett können auch Axel Milberg, Jeanette Hain, David Bennent und Rolf Hoppe nicht retten.

Folletts Bücher sind so dick, dass sich ein ganzer Hortensienstrauch darin pressen ließe, und in ihren Titeln finden sich Säulen, Brücken, Tore und eben die besagten Pfeiler. Stets waren die Romane auf der Bestsellerliste zu finden. Aber was im Buch funktioniert, muss im Film noch lange nicht funktionieren. Die Pfeiler der Macht ist das typische Buch zum Abtauchen in andere Welten; meist in Familien, die vom Schicksal so arg gebeutelt werden, dass man die eigene ohne Weh und Ach wieder hinnehmen kann. Ein bisschen Elend, ein bisschen Liebe, ein bisschen Reichtum, ein bisschen Tod, ein bisschen Intrige und Zügellosigkeit – das sind die Ingredienzien.

Was Schwochow dazu bewogen hat, die Geschichte der englischen Bankiersfamilie Pilaster im ausgehenden 19. Jahrhundert zu verfilmen – wer will es sagen. Sein Zweiteiler ist eine wirre Mischung aus Buddenbrooks, Les Miserables und My Fair Lady. Der Plot ist schnell erzählt: Im viktorianischen England Mitte des 19. Jahrhunderts hat es die Bankierdynastie Pilaster zu Wohlstand und Reichtum gebracht. Toby Pilaster, ein abtrünniger Sohn der Familie, geht mit seiner Textilfabrik Bankrott und erschießt sich. Er hinterlässt einen Sohn. Hugh (Dominic Thorburn), der nun Vollwaise ist, wird von der Verwandtschaft aufgenommen.

Jüngling und Kakadu

Es fügt sich, dass der Nachkomme des schwarzen Schafs viel klüger ist als der einzige hauseigene Sohn Edward (Daniel Sträßer). Fortan ist Edwards Mutter Augusta (Jeanette Hain) damit beschäftigt, Intrigen zu flechten, um ihrem Neffen die Leitung der Geldgeschäfte zu verwehren. Ihr Mann (Thorsten Merten) hingegen zieht Hugh seinem eigenen Sohn vor. Er selbst hat nicht das richtige Händchen für Bankgeschäfte, und sein Bruder Samuel (Axel Milberg) ist leider schwul und also nicht gesellschaftsfähig. Es dauert nicht lange, und er zieht sich in seine Gemächer mit Jüngling, Kakadu und feinstem Porzellan zurück.

Man sieht schon: Es brodelt im Familientopf. So ein richtiger ZDF-Zweiteiler braucht aber noch eine gepfefferte Liebesgeschichte. Und voilá: Hugh verliebt sich in Maisie Robinson (Laura de Boer), eine Frau aus einem Londoner Elendsviertel, wie sie stolzer und kraftstrotzender nicht sein könnte. Leider geht sie einem mit diesen Attributen beständig auf die Nerven. Politisch engagiert ist sie auch noch, aber das verliert sich in ihrer Ehe mit dem reichen Solly Greenbourne (Albrecht Abraham Schuch). Dass Hugh und Solly aus guter Familie in den Slums zwischen Ziegen, Hühnern, Ratten, Nutten und Typhusbazillen ihre Nächte verbringen, das ist nun wirklich ein Märchen. Nach Maisies Heirat geht Hugh gebrochenen Herzens nach Amerika. Und irgendwann singt auch noch Yvonne Catterfeld.

Dieser ganz und gar langweilige und verstaubte Zweiteiler hat es allein dem Spiel von Axel Milberg ist es zu verdanken, dass es überhaupt irisierende Momente gibt. Schade, dass er Sätze wie "Wir sind Tiere, die aus dünnwandigem Porzellan trinken können" sagen muss. Jeanette Hain wird nicht nur von ihrem Kleid in ein zu enges Korsett gezwängt, sondern auch vom Drehbuch. Dass sie am Ende tatsächlich noch Gefühle und Verständnis für ihre freigeistige Tochter Clara entwickelt, nimmt man ihr nicht ab. Als sie am Türpfosten vom Waffenhändler beschlafen wird, nachdem dieser im selben Zimmer kurz davor ihren Schwiegervater Samuel mit dem Kopfkissen im Bett erstickte, möchte man sich am liebsten peinlich berührt abwenden. Froh ist man an dieser Stelle nur darüber, dass für Rolf Hoppe als Samuel endlich Drehschluss ist. 

Gebieterisch und streng

Und doch gibt es zwei Schauspieler, die dem dreistündigen Einerlei die Stirn bieten: Dominic Thorburn und Maria Dragus, die schon als Pfarrerstochter in Das weiße Band auf sich aufmerksam machte. Das gelingt ihr auch hier mühelos. Sie ist gebrochen, resolut, gebieterisch zu sich selbst, streng und strikt, sie hält ihr Empfinden unter Verschluss – das alles kann Dragus in ihrem 21-jährigen Gesicht abbilden; gleichzeitig wohlgemerkt. Von Thorburn wird man noch viel hören und sehen. Er besticht nicht auf den ersten Blick, dafür aber umso intensiver. Eine seltsame Mischung aus Lässigkeit und Härte, aus Undurchschaubarkeit und subtiler Erotik umgeben ihn. Etwas in seinem Innern liegt auf der Lauer, will zum Sprung ansetzen. Überlegt man, welcher deutsche Schauspieler seine Rolle hätte spielen können, es will einem niemand einfallen.

Acht Millionen Euro und 49 Drehtage hat der Film verschlungen. Vom Reifrock über die Taschenuhr und Hundeleine bis zur Kanalratte ist alles aufs Schönste arrangiert. Aber, um es einmal sprichwörtlich zu sagen: Die Kutte macht noch keinen Mönch. Schwochow hat sich mit diesen 180 Minuten keinen Gefallen getan und uns erst recht nicht. Man wird den Eindruck nicht los, dass er selbst nicht so richtig weiß, was er mit all der Follett'schen Fülle anfangen sollte; wie ein Kind, das mit dem Schmuck seiner Mutter spielt – dies und jenes mal ins Licht hält, die eine Kette fallenlässt, die andere wieder aufhebt und zum Schluss des ganzen Gefunkels so überdrüssig ist, dass es die Kette zerreißt.  

Der erste Teil von "Pfeiler der Macht" läuft am Montag, den 25. Januar, um 20.15 im ZDF. Der zweite Teil folgt am Mittwoch, den 27. Januar, ebenfalls um 20.15 Uhr.