Fernsehserien sind häufig Kinder ihrer Zeit. Twilight Zone oder Star Trek, Dallas oder Diese Drombuschs verarbeiten die Gesellschaft, die sie umgibt, als wären sie Glossars ihrer Ära. Auch Akte X war so ein Epochenprodukt. Als die Mauer fiel, fehlte Hollywood ein klar definierter Feind. Die Sowjetunion stand vorm Zusammenbruch, China erst in den Startlöchern, die Islamisten auf Washingtons Gehaltliste und deutsche Nazis allenfalls als Komparsen am Set herum. Die Traumfabrik brauchte Ersatz. Da bot sich etwas verschwörungstheoretisch Verwertbares an: Aliens. Unbegreiflich, amorph, furchterregend und frei gestaltbar taugten sie perfekt für die unterversorgte Paranoia des Jahres 1993.

Neun Jahre später endete der globale Straßenfeger nach 202 Folgen, wenngleich weniger mangels Erfolg als mangels Bedarf. Seit 9/11 hatte sich die Stimmung am Standort USA radikal gewandelt. Verschwörungen richteten sich nun nicht mehr von übersinnlicher Seite gegen den Staat, sondern vom Staat gegen die eigene Bevölkerung. Das ganze Ausmaß der realen X Files wurde zwar erst im NSA-Skandal bekannt. Doch schon bald nach dem Sturz der Twin Towers waren die Invasoren in der Popkultur nicht mehr in erster Linie extraterrestrischen Ursprungs. Fox Mulder und Dana Scully waren arbeitslos.

Jetzt kehren sie auf ihrem Hauskanal Pro Sieben für sechs Folgen zurück: Wieder sind Aliens auf der Erde gelandet, Auftrag rätselhaft, Verbleib ebenfalls, Alarmstufe Rot. Alles wie in nahezu jeder vorherigen Episode und zwei Kinofilmen zuvor also? Nein, denn 2016 werden die Special Agents nicht von der Regierung aus der Versenkung geholt, sondern vom TV-Moderator Dan O’Malley (Joel McHale), einem reaktionären Hardliner im Stile des Fox News-Demagogen Glenn Beck. O'Malley lebt davon, über geheime Komplotte und Verschwörungen zu spekulieren. Eine seiner Geschichten geht so: Vor 60 Jahren hat Washington die Landung eines Ufos verschwiegen, um daraus heimlich Massenvernichtungswaffen für die Weltherrschaft zu basteln. Sein wichtigster Zeuge ist eine Frau, die angeblich als Gebärmaschine für Alien-Föten missbraucht worden ist.

Groß angelegte Regierungsintrige

Anders als früher, als die "Monster der Woche" allenfalls lose zu einer episodenübergreifenden Gefahr verknüpft waren, geht es in den sechs neuen Folgen um ein und denselben Feind. Konsumgesellschaft, Klimawandel, Werteverfall, Sicherheitswahn, Überwachungsstaat – alles gerät im anschwellenden Hirngespinst des Fernsehpopulisten zum Teil einer groß angelegten Regierungsintrige. Das ist gewissermaßen Science Fiction für die Tea Party, produziert von deren Haussender Fox.

Während die Dramaturgie eher konservativ wirkt, ist die Ästhetik der Miniserie recht progressiv. Von der VFX-Technik, die das Raumschiff der Aliens landen und wieder verschwinden lässt, konnte Showrunner Chris Carter selbst zum Ende der alten Serie hin höchstens träumen. Hauptdarstellerin Gillian Anderson, Mitte der Neunziger ein Rolemodel seriöser Attraktivität, hat durch ein paar Jahre nachträglicher Reifung ihre Maskenhaftigkeit verloren. Und Kollege David Duchovny ist seit seiner zweiten Luft als hinreißender Filou in Californication noch reizender geworden. Trotzdem kann man sich gelegentlich ein Fremdeln mit dem Sequel nicht verkneifen.

Conspiracy sells

Zu aufdringlich ist die Musik, deren dräuender Sound anders als im angenehm reduzierten Original nicht eine Sekunde aussetzt. Zu effekthaschend ist auch die Ausstattung, deren Schockmomente allzu bemüht mit dem zeitgenössischen Horror-Porn des Mainstreams konkurrieren. Zu anstrengend ist vor allem Mulders neue Synchronstimme Sven Gerhardt, die nach dem (geldbedingten) Abgang des angenehm rauchigen Benjamin Völz nun schwer nach Rasierwasserwerbung klingt.

Das dürfte hart gesottene Fans, die ihre Vorfreude seit Langem lautstark ins Netz zwitschern, allerdings nicht abschrecken. Ihre Sehnsucht nach Scully und Mulder wird ja nebenbei auch noch mit anderem Urgestein wie Chief Skinner (Mitch Pileggi) oder dem sinistren "Raucher" (William P. Davis) befriedigt, dessen furioser Auftritt alle alten Ängste hervorholt.

"Conspiracy sells", sagt der sorgsam verlotterte Fox Mulder zum Verschwörungsdealer O’Malley. Damit kommentiert er auch ein bisschen die Serie selbst. War sie vor 22 Jahren diesbezüglich ein Vorreiter des Mystery-Genres, reitet sie dessen Welle jetzt eher aus, als ihm Innovationen hinzuzufügen. In den USA haben dabei zu Beginn dennoch 16 Millionen Menschen zugesehen. Das mag dem NFL-Halbfinale zuvor geschuldet gewesen sein. Ohne Zweifel hatte es aber auch mit dem Mythos einer Legende zu tun, an der weder Rasierwassertimbre noch neue Verschwörungstheorien je was ändern können.

"Akte X" läuft ab dem 8. Januar immer montags um 21.10 Uhr auf Pro Sieben.