Der Topos des vereinsamten Großstädters ist beinahe so alt, wie die modernen Städte selbst es sind. Tür an Tür wohnt dieser Städter mit Menschen, die er vielleicht schon mal gesehen, aber ganz sicher noch nie im eigentlichen Sinne wahrgenommen hat. Farb- und gesichtslose Hochhaussiedlungen geben im Film genauso wie in der Literatur die idealtypische Kulisse ab, in der dieses in der Masse verloren geratene Individuum in seinem prosaischen Elend dem Zuschauer oder Leser zur gefälligen Betrachtung serviert wird, einem kleinen, bedauernswerten Labortierchen gleich.

In Aloys hat der Schweizer Regisseur Tobias Nölle einen besonders skurrilen Typus des einsamen Großstädters geschaffen, beinahe so eigentümlich, dass er scharf an der Grenze zur Parodie vorbeischrammt, mitunter auch ein ganzes Stückchen darüber hinaus schlittert. Aloys (Georg Friedrich), der den schönen Nachnamen Adorn trägt, dem aber bis zum Philosophen mehr als nur ein "o" fehlt, ist einer jener bereits mittelalten Männer, die es nie unter den Fittichen der Eltern hervor geschafft haben, in diesem Fall denen des Vaters.

War er bisher Compagnon in der vom Vater betriebenen Züricher Privatdetektei, die ihr Equipment augenscheinlich seit den frühen achtziger Jahren nicht verändert hat, dann wird Aloys nach dem Tod des Vaters die Trostlosigkeit der eigenen Existenz mit voller Wucht vor die Nase geknallt. Dieser Mann ist nicht nur verzweifelt und einsam, er hat auch nie am eigentlichen Leben teilgenommen. "Draußen findet eine Party statt", heißt es einmal, "und du bist nicht eingeladen." Sonderlich subtil mutet diese Erkenntnis nicht an, wie überhaupt Aloys oftmals sehr auf Bilder und Formulierungen setzt, die mit ihrer Überdeutlichkeit ins Banale kippen.

Betrügerischer Ehemann

Aloys ist nie erwachsen geworden. Das sieht man schon daran, dass er sich zwar immer wieder durch ostentatives Schnapstrinken über den Verlust des Vaters hinwegzutrösten versucht, sichtlich angenehmer ist ihm indes das Schlürfen an der stets griffbereiten Capri-Sonne. Aloys bleibt zudem immer hinter irgendwelchen Scheiben eingesperrt, die ihm den Zutritt zu diesem eigentlichen Leben verweigern oder aber hinter denen er sich vor eben diesem Leben versteckt. Wenn es nicht die Fenster seiner Hochhauswohnung sind, vor denen es ausnahmslos grau-verhangen-verregnet ist, dann sitzt er hinter beschlagenen Busfenstern, ohne dass man einen Blick auf die Stadt erhaschen könnte, oder steht in seinem immergleichen grünbraunen Anorak und dem immergleichen hellblauen Pullover in Telefonzellen, von denen aus er etwa einen betrügerischen Ehemann observiert.

Ob er das Klopfen gehört habe, wird der Ehebrecher einmal von seiner Geliebten gefragt. Sie meint das Ungeborene in ihrem Bauch. Das sei ja auch klar, dass er klopfe, fährt sie fort, es sei einsam da drinnen, der Kleine wolle hinaus. Wir Zuschauer hören das und wissen: Diese Sehnsucht triff vor allem auf Aloys zu, auch wenn der das selbst vielleicht noch gar nicht bemerkt hat.

Die wichtigste Glasscheibe in Aloys' Dasein aber ist die seines Fernsehers, auf dem er all die Videobänder abspielt, auf denen er heimlich und manisch die Menschen seiner Umgebung aufzeichnet. Immer und immer wieder spult er zurück und holt sich für ein paar Minuten Ausschnitte aus dieser Welt, zu der ihm der Kontakt fehlt, in sein muffig-braunes Wohnzimmer. Die Kamera schwenkt auf die dunkelfurnierte Schrankwand: Kassette reiht sich an Kassette. Wie viele Stunden fremden Lebens mag Aloys aufgezeichnet haben? Man will es lieber nicht einmal schätzen.

Anonyme Anrufe

Keine Frage, dieser Mann ist ein Freak. Tobias Nölle stellt in seinem Film nun die Frage: Was passiert, wenn solch ein einsamer Freak mit einem noch viel einsameren und durchgeknallteren Menschen konfrontiert wird?

Eine Unbekannte stiehlt, als Aloys betrunken im Bus einschläft, dessen Kamera samt einiger Videokassetten, und, viel schlimmer noch, sie konfrontiert den seltsamen Kauz gnadenlos mit sich selbst. Er muss dieses unschöne Video von sich selbst ansehen – einschlafend im Bus, während ihm langsam die Schnapsflasche aus der Hand kullert – und bekommt plötzlich auch Anrufe und SMS von der Unbekannten, die ihn aus seiner Abschottung heraustreiben.

Für ein paar unheimliche Szenen erinnert der Film an David Lynch und dessen Visionen vom Fremden, das in dein Leben eindringt, dich immerzu beobachtet und alles weiß. Doch rasch verwandelt sich die Geschichte in ein arges Lehrstück. Gelingt es zwei lebensunfähigen Menschen durch die Kraft der Vorstellung und indem sie sich gegenseitig am Telefon Geschichten erzählen, die in diesem Film notorisch beschworene Scheibe, die zwischen ihnen und der Welt steht, zu durchbrechen und den Schritt hinauszuwagen?

Medientechnische Patina

Tobias Nölle will mit seinem Spielfilmdebüt Aloys ein modernes Märchen über die Erlösung des einsamen Menschen erzählen. Dafür verzichtet er auf moderne Kommunikationsmittel wie das Internet mit seinen sozialen Netzwerken, die Nähe suggerieren und doch Vereinzelung befördern. Stattdessen überzieht der Regisseur seine Geschichte mit medientechnischer Patina und verleiht ihr auf diese Weise etwas leicht Wunderliches.

Leider reicht diese zu gewollt eingesetzte und dadurch ausgestellte Wunderlichkeit nicht aus, um auch den Zuschauer in den Bann der Bilder zu reißen, die sich Aloys und die bald entlarvte Anruferin (Tilde von Overbeck) in ihren Telefonaten ausmalen. So bleibt man als Betrachter außen vor, erkennt die Absicht und ist zwar nicht unbedingt verstimmt, aber eben auch nicht wirklich berührt. Adorno hätte diese Haltung vermutlich gefallen.