Bei Anne Will konnte man erleben, wie Angela Merkels Politikverständnis mit einer Talkshow-Dramaturgie kollidierte, die Unterhaltung mit Haltung verwechselt. Die Lust an medialen Katastrophenszenarien traf in der Sendung auf eine Politikerin, die sich ihren Rang durch Kompromisse und den Ausgleich von Interessen erarbeitet hat.

Laut der Moderatorin Anne Will sah die Ausgangslage an diesem Abend so aus: Deutschland sei gespalten und in Europa isoliert. Der erste Befund suggeriert, politische Einigkeit sei ein Wert für sich, obschon es kein politisches Problem gibt, das nicht umstritten wäre, sonst wäre es ja kein politisches Problem. Zur politischen Kultur eines global vernetzten Landes passt die Formulierung gewiss nicht.

Schaffen wir das?

Auch die zweite Unterstellung, Deutschland sei in Europa isoliert, führt in die Irre. Tatsächlich ist in diesen Tagen zu erleben, wie einige EU-Mitglieder, vorneweg Österreich, in Abstimmung mit Ländern, die nicht Mitglied der Europäischen Union sind, Entscheidungen zu Lasten des EU-Mitglieds Griechenland treffen.

Das ist vor allem ein Symptom einer Krise der Europäischen Union. Bisher hat die EU allerdings noch jede Krise gelöst, stets durch einen fein justierten Ausgleich von Interessen. Warum soll Merkel von dieser Praxis ablassen? Weil Will das zu kompliziert scheint? Weil das nicht so gut erzählbar ist? Weil die See da draußen rast, nach einem Opfer schreit?

Es war nicht das einzige Mal, dass Anne Wills Fragenkatalog unsachlich wirkte. An einer Stelle fragte sie: War der Satz "Wir schaffen das" angesichts brennender Flüchtlingsunterkünfte im Rückblick zu zuversichtlich? Nicht zu Ende gedacht? Gegenfrage: Zu welchem Ende? Natürlich war er nicht zu zuversichtlich. Der Satz gab eine Richtung vor. Es war ein Kanzlersatz.

Fundament eines europäischen Kompromisses

Das Land erlebe ein Rendezvous mit der Globalisierung, zitierte Merkel Wolfgang Schäuble, eine sarkastische Bemerkung, die von wenigen in ihrer Härte verstanden worden ist, wie so oft bei harten Schäuble-Sätzen. Viele fühlen sich auf das Rendezvous nicht vorbereitet. Im Unterschied zu vielen ihrer Gegner sieht Merkel allerdings keinen Ausweg in nationalen Alleingängen. Sie setzt auf einen europäischen Kompromiss. In deutschem Interesse gehe es darum, Europa zusammenzuhalten.

Wenn überhaupt, sei hier und da an der Lösung etwas nachzujustieren, sagte Merkel, womit sie darauf anspielte, dass schon bald Marokko, Algerien und Tunesien als sichere Herkunftsländer gelten könnten. Unbeirrt bleibt Merkel bei der Position, die Außengrenzen seien zu schützen, die illegale Migration zu bekämpfen, das Geschäftsmodell der Schlepper zu unterbinden. So skizzierte sie das Fundament eines europäischen Kompromisses. Wer wollte etwas dagegen einwenden? Die Geographie bleibt Deutschlands Schicksal, von Freunden umgeben, mit denen tragfähige Kompromisse ausgehandelt werden müssen.

Merkel hält jedenfalls wenig davon, sich gegenseitig Schuld zuzuschieben. Mit ihren politischen Gegnern spielt sie über Bande: Wenn ihr kämpfen wollt, mache ich davon Gebrauch.