Der Regisseur Gianfranco Rosi mit dem Goldenen Bären, der Auszeichnung für den besten Film der Berlinale © Hannibal Hanschke/Reuters

Schon klar, ein Flüchtlingsdrama. Wer will, kann die Verleihung des Goldenen Bären an die stille, allein durch ihr Thema dramatische Dokumentation Fuocoammare über die Mittelmeerinsel Lampedusa schnell abtun. Weil sie so gut gemeint scheint, so politisch korrekt und dem Berlinalechef Dieter Kosslick so reibungsfrei in sein Konzept vom engagierten Festival passt.  

Doch so schlicht werden die Mitglieder der Internationalen Jury nicht abgestimmt haben. In diesem Jahr bestand sie mehrheitlich aus Schauspielern: Lars Eidinger, Alba Rohrwacher, Clive Owen und als Präsidentin Meryl Streep. Vor dem Festival hatten viele also auf eine Wahl getippt, die schauspielerisches Können ehren würde.

Der Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi, selbst in Eritrea geboren und von dort Ende der siebziger Jahre als 13-Jähriger ohne Eltern nach Italien geflohen, wollte ursprünglich nur einen Kurzfilm von der Insel drehen, auf die sich seit Jahrzehnten Menschen von der 70 Kilometer entfernten Küste Afrikas flüchten. Als er jedoch sah, was sich dort täglich abspielt, entschied er sich für eine abendfüllende Dokumentation.

Ein Jahr lang drehte er am Ende und filmte das Leben der Menschen auf der Insel: Fischer, Arzt, Radiomoderator, Lehrer, Hausfrau, Kind. Wir sehen, wie der Fischer Tintenfische fängt, die Frau daraus Spaghetti pulpo kocht, das Kind sie herunterschlürft. Das ist banal, alltäglich, bekannt.

Manchmal, wenn das Kind, der 12-jährige Samuele allzu offensichtlich posiert, oder der Arzt, der das, was er vor der Kamera sagt, von einem Blatt abliest, wird das Inszenierte sogar überdeutlich. Doch was Fuocoammare auszeichnet ist genau das Nebeneinander von diesem Leben, das wir in Europa als normal bezeichnen, und dem was die Flüchtlinge durchmachen, was so entsetzlich ist, dass man es beinahe gar nicht mehr als Leben bezeichnen kann, aber eben genauso normal ist.   

Manche schimpften: Katastrophenkitsch

Rosi schneidet seine Bilder hart gegeneinander. Die Besatzung eines Rettungsschiffs verteilt Schwimmwesten an die Flüchtlinge auf ihrem Boot. Die Oma säumt einen Streifen Stoff. Die Polizisten tasten die Angekommenen am ganzen Leib ab, der Radiomoderator legt das fünfziger Jahre Lied Fuoco a Mmare auf. Leichensäcke werden umgeladen. Samuele schnitzt sich eine Schleuder.

Katastrophenkitsch, schimpften manche da. Aber Rosi hat eine Stimmung eingefangen, in der sich wohl viele Menschen in ganz Europa befinden: Wir leben einfach weiter, obwohl wir wissen, dass neben uns Menschen ums Überleben kämpfen. Dass auf Lampedusa dabei nur wenige Meter zwischen beidem liegen, woanders vielleicht Kilometer, ist eben völlig einerlei. Das Schicksal der Flüchtenden scheint uns nicht zu betreffen. 

Diesen Eindruck verstärkt Rosi noch, indem er die Bilder und Szenen aus dem Alltag der Insulaner filmisch eng miteinander verknüpft. Das Lied, das der Moderator abspielt, wird von Samueles Mama beim Kochen gehört. Die Oma näht, während das Kind mit den Englischhausaufgaben schlampt. In keiner einzigen Szene hingegen wird auch nur die räumliche Nähe gezeigt zwischen Flüchtlingsunterkünften und italienischen Haushalten, zwischen der örtlichen Schule, in der Kinder lesen üben, und dem Busbahnhof, an dem Kinder unter goldfarbenen Rettungsfolien ausharren. Die Küste, an der Samuele mit seinem Kumpel hockt und Blödsinn treibt, und die Küste, an der die Überlebenden und Toten ankommen, könnten nicht weiter auseinanderliegen.   

Aber die Lebenswelten berühren sich eben doch. Rosis Film ist eine Hommage an jene Menschen, die sich um Geflüchtete kümmern. Die Besatzungsmitglieder der Rettungsschiffe, die Taucher, die Helikopterpiloten, die Ärzte. Auch wenn die nur dabei gezeigt werden, wie sie ihren Job machen, ist es eben viel mehr als ein Job. So tastet der Arzt mit einem Ultraschallkopf den Bauch einer Hochschwangeren ab, die offensichtlich Zwillinge erwartet. Er versucht, die Ungeborenen auf seinen Monitor zu bekommen, flapst ein wenig über das Kuddelmuddel aus Armen und Beinen, erkennt, dass alles in Ordnung ist, sagt: "Die Kinder sind klein, kein Wunder, bei dem was die Mutter durchgemacht hat. Sie ist sehr erschöpft." Das wirkt kein bisschen pathetisch, es ist im schlichtesten Sinne Realität.