Vierzehn Filme in viereinhalb Tagen ansehen, das bedeutet für den aktiven Berlinale-Zuschauer nicht nur Dauerschleudergang der Gefühle, sondern auch viel Meinungsgetöse beim Schlangestehen. "Mit 24 Wochen nur ein deutscher Film im Wettbewerb!" ist so ein Thema, an dem sich Gemüter entzünden. Pustet man das merkwürdig nationalistische Schießpulver weg, bleiben ein paar plausible Erklärungen.

Zum einen, dass der Berlinale-Chef Dieter Kosslick, der über die Teilnahme im Wettbewerb entscheidet, einen Film durchaus in Betracht gezogen haben kann, dass aber die Produzenten ihren Film gar nicht auf der Berlinale zeigen wollten, sondern lieber auf einem anderen Festival, weil dessen Publikum besser zum Film passt. Das war möglicherweise der Fall bei Wild, dem Film von Nicolette Krebitz, der im Januar auf dem Sundance-Festival lief. Oder aber ein Film war schlicht noch nicht fertig (angeblich der Fall bei Vor der Morgenröte, der jetzt im Juni anlaufen soll). Oder aber der Star wäre zur Berlinalezeit nicht verfügbar gewesen (wie potentiell Tom Hanks in Tom Tykwers neuem Film Ein Hologramm für den König). Das sind so Gerüchte. 

Pessimistischer ist die Begründung, dass im Herbst, als Kosslick die Kandidaten für sein diesjähriges Festival gesichtet hat, schlichtweg nicht mehr Wettbewerbsfähiges aus Deutschland dabei war – obwohl hier rund 200 Langfilme pro Jahr produziert werden. Das wäre dann zwar sehr traurig, aber immerhin konsequent von Kosslick. Denn man kann ihm oder seinen Vorgängern nicht unterstellen, sie hätten deutsche Filme in der Vergangenheit nicht besonders beachtet: Insgesamt nahmen an den bisherigen 66 Berlinalen 217 deutsche Filme teil. 38 davon wurden mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Das entspricht 18 Prozent. Acht Filme (vier Prozent) mit dem Goldenen.

Großer Sieger: Tschechien

Ist das nun zu wenig oder ein gutes Zeugnis? Derzeit werden im Wettbewerb acht Bären vergeben. Das bedeutet bei 18 Filmen im Wettstreit (wie in diesem Jahr), dass beinahe jeder zweite Beitrag prämiert wird, denn Doppelauszeichnungen sind ­– außer für die Darsteller – nicht gestattet. 

Im gleichen Zeitraum liefen 165 Produktionen aus den USA, also Filme, denen manche Kritiker unterstellen, sie würden nur wegen ihrer Stars und dem Blitzlicht auf dem Teppich eingeladen – sie wurden mit insgesamt 47 Silbernen und 11 Goldenen Bären ausgezeichnet, was Erfolgsquoten von 28 respektive 7 Prozent entspricht. Da hat sich nicht nur das Geblitze gelohnt. 

Wirft da jemand ein, die hätten ja auch deutlich mehr Geld zur Verfügung? Haben sie. Aber man kann trotzdem mal nach Tschechien blicken. Die Filmförderung ist dort – verglichen mit unseren Maßstäben – unbedeutend. Aber 28 Mal wurden tschechische Filme in den Wettbewerb eingeladen, die Hälfte davon bekam einen Bären, bei fünf war es sogar der Goldene.

Wenn das Fernsehen koproduziert

Also liegt es doch an der Qualität in Deutschland? Machen wir zu viel Konfektionsware, wie sie das Fernsehen gerne koproduziert? 24 Wochen ist so ein Film, er wurde vom Kleinen Fernsehspiel finanziert. Aber er packt ein Thema an, das man nun bei aller Polemik nicht als Konfektionsware bezeichnen kann. Es geht um Spätabtreibung. Eine Frau (Julia Jentsch, äußerst glaubwürdig) entscheidet sich im siebten Schwangerschaftsmonat gegen ihr Kind, das das Down-Syndrom und einen schweren Herzfehler hat.

Das Ganze ist von der jungen Regisseurin Anna Zohra Berrached halbdokumentarisch gefilmt – mit echten Arztgesprächen und echten Beratungsstellen, was schon in Filmen wie Andreas Dresens Halt auf freier Strecke hervorragend funktionierte. Auch 24 Wochen ging vielen sehr nah, im Kino wurde rundum viel geschnieft, was selbstverständlich am Thema liegt, aber eben auch an den Hauptdarstellern (vor allem Jentsch), an den akribischen Recherchen der Regisseurin, an der Kamera, die eigentlich immer ganz nah dran ist, so nah, dass es fast ein bisschen so wirkt, als hätte man in der Fernsehanstalt schon eingeplant, auf die paar wenigen Panoramen, die wir zu sehen bekommen, verzichten zu können. Was schade ist, weil der Film dadurch kleinformatiger wirkt, als er müsste.

Schon mal von Globalisierung gehört?

Das also ist der deutsche Beitrag zum 66. Berlinale-Wettbewerb. Gäbe es da nicht noch das französische Drama Dinge, die kommen um eine Philosophielehrerin, deren Leben gerade auseinanderfällt – Isabelle Huppert bestreitet den Film im Alleingang. Oder die britische (und leider kitschig-fade) Fallada-Verfilmung Keiner stirbt für sich allein. Oder das interessante mexikanische Drama Soy Nero um einen Green-Card-Soldaten: alles deutsche Koproduktionen.

Wer mancher Diskussion um deutsche Beiträge zuhört, kann den Eindruck bekommen, auf Filmfestivals hätte noch keiner etwas von Globalisierung gehört. Wer denkt, Filme, zumal Großproduktionen, wie sie in einem internationalen Wettbewerb gezeigt werden, seien nationale Angelegenheiten, der glaubt auch, dass in einer Kalbsleberwurst nach Gutsherrenart nur deutsche Kalbsleber drin steckt. Die meisten Filme im Wettbewerb sind Koproduktionen, nämlich zehn. Bei drei davon war eine deutsche Produktionsfirma beteiligt. Das macht am Ende vier Filme (von 18) mit deutscher Beteiligung, die um die Bären kämpfen. Nicht irgendwie auffallend wenige.