Preisträger Gianfranco Rosi und Jury-Präsidentin Meryl Streep bei der Verleihung des Goldenen Bären. In "Fuocoammare" zeigt der Filmemacher das Leben auf Lampedusa und das Schicksal der dort ankommenden Flüchtlinge. © Michael Kappeler/dpa

Der italienische Flüchtlingsfilm Fuocoammare (Feuer auf See) von Gianfranco Rosi ist bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. Erstmals seit 60 Jahren ging der wichtigste Preis damit an einen Dokumentarfilm. Jury-Präsidentin Meryl Streep nannte das Werk "das Herz der Berlinale".  "Ich widme diesen Preis den Menschen von Lampedusa, die ihr Herz den Menschen öffnen, die dort ankommen", sagte Rosi. In dem Film erzählt der 54 Jahre alte Regisseur in teils schonungslosen Bildern vom Flüchtlingselend auf der Insel Lampedusa. Die internationale Jury setzte damit ein klares politisches Signal.

Den Silbernen Bären gewann Danis Tanović mit Death in Sarajevo. Den Silbenen Bären in der Kategorie beste Darstellerin erhielt die dänische Schauspielerin Trine Dyrholm. Die 43-Jährige spielt die Hauptrolle in Thomas Vinterbergs Film Die Kommune. Als bester Darsteller wurde Majd Mastoura  für das Drama Hedi von Mohamed Ben Attia geehrt. Der Pole Tomasz Wasilewski wurde für das beste Drehbuch der Berliner Filmfestspiele ausgezeichnet. In United States of Love geht es um vier Frauen in den frühen 90er Jahren in der polnischen Provinz. Der Preis für die beste Regie ging an die französische Filmemacherin Mia Hansen-Løve für L'avenir mit Isabelle Huppert. Das Abtreibungsdrama 24 Wochender deutschen Regisseurin Anne Zohra Berrached ging leer aus. Es war der einzige deutsche Beitrag der diesjährigen Berlinale.

Der Gewinner des Hauptpreises, Gianfranco Rosi, bezeichnete die Arbeit an Fuocoammare als seine bisher schwerste Arbeit. "Ich musste entscheiden, ob ich den Tod zeige. Der Tod kam ja zu mir. Ich wollte bei der Rettung einiger Flüchtlinge dabei sein. Aber nicht alle haben die Flucht übers Meer überlebt", sagte er. Ursprünglich kam Rosi nach Lampedusa, um einen Kurzfilm zu drehen. Doch als er das ganze Ausmaß des Elends sah, entschied er sich für eine abendfüllende Dokumentation. Angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise, die weit über Lampedusa hinaus geht, möchte er mit seinem Film möglichst viele Menschen erreichen und aufrütteln. "Wir tragen alle die Verantwortung dafür. Ich denke, was derzeit passiert, ist nach dem Holocaust eine der größten Tragödien der Menschheit." Den Film sieht er nicht als Anklage, sagte der Filmemacher. "Mein Film hat ein politisches Thema, aber er gibt keine Antworten."

Kosslick zeigt sich entsetzt über die Vorfälle in Clausnitz

Geboren wurde Rosi 1964 in Eritrea. Während des dortigen Unabhängigkeitskrieges wurde er als 13-Jähriger mit einem Militärflugzeug nach Italien in Sicherheit gebracht. Seine Eltern blieben zurück. Schule und Studium absolvierte er in verschiedenen Ländern, darunter auch in den USA. International bekannt wurde er 2010 mit El Sicario, Room 164, einer Dokumentation über einen professionellen Auftragskiller. Die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa liegt nur 70 Kilometer von der nordafrikanischen Küste entfernt. Hier stranden seit mehr als zwei Jahrzehnten nahezu ununterbrochen Flüchtlinge.

Im Wettbewerb um den Goldenen und mehrere Silberne Bären waren insgesamt 18 Filme. Jury-Chefin war Hollywoodstar Meryl Streep, neben Brigitte Lacombe, Nick James, Clive Owen, Małgorzata Szumowska und Alba Rohrwacher hat auch der Berliner Schauspieler Lars Eidinger mit entschieden. Die Berlinale ist eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt. Zur Gala mit Moderatorin Anke Engelke waren viele prominente Gäste gekommen. Nach der Verleihung der Bären-Trophäen endet die Berlinale am Sonntag mit einem Publikumstag. Dabei wird noch einmal eine Auswahl der Filme gezeigt.

Vor der Bekanntgabe der Preise der unabhängigen Jurys hatte sich Dieter Kosslick, Direktor der Berlinale, entsetzt über die fremdenfeindlichen Proteste im sächsischen Clausnitz geäußert. "Ich konnte nicht glauben, dass es solche Bilder in Deutschland noch einmal geben kann", sagte er.