Wie viel Schuld kann eine Gesellschaft am Morden eines Einzelnen haben? Es ist ein authentischer Fall, der diesem Film zugrunde liegt: Eine junge Frau, eben jene titelgebende Olga Hepnarová, gerade 22 Jahre alt, rast im Juli 1973 in Prag mit einem Lastwagen in eine Menschengruppe. Acht Menschen sterben, zwölf werden zum Teil schwer verletzt. Beinahe verstörender noch als Hepnarovás Tat ist die Gerichtsverhandlung, in der die Angeklagte weder bereut noch leugnet, sondern selbst in die Rolle einer wütenden Anklägerin schlüpft.

In der filmischen Umsetzung von Tomas Weinreb und Petr Kazda ist es einer der wenigen Momente, in denen Michalina Olszańska als Olga Hepnarová mit fester, klarer Stimme spricht, in denen sie nicht ihren Blick unter dem dunklen Pony zu verbergen versucht, in denen sie nicht ihre Wut und ihren Abscheu im wabernden Zigarettenqualm erstickt. Fast glücklich sieht sie aus, als sie sich zu ihrer Tat bekennt, als sie erklärt, dass sie, die ihr Leben lang von der Gesellschaft gedemütigt und gequält worden sei, nicht mehr länger deren "Prügelknabe" habe sein wollen – in der tschechischen Originalversion wird tatsächlich das deutsche Wort verwendet. 

Die Anklägerin Hepnarová setzt hier fort, was sie bereits in einem Bekennerschreiben dargelegt hat, das sie vor der Fahrt in die Menschenmenge abgeschickt hat. "Ich bin eine Einzelgängerin. Ein zerstörter Mensch. Ein von den Menschen zerstörter Mensch. (...) Ich habe die Wahl – mich zu töten oder andere zu töten. Ich wähle – die Rache an denen, die mich hassen. (...) Mein Urteil ist: Ich, Olga Hepnarová, das Opfer eurer Bestialität, verurteile sie zum Tode."

Moderne Medea

Die Regisseure zitieren hier wörtlich aus dem Brief. Bislang haben Weinreb und Kazda vor allem Dokumentarfilme gedreht, und auch in diesem Film halten sie sich sowohl mit den Fakten als auch in der Ausstattung so eng wie möglich an die zeitgeschichtlichen Vorgaben. Um das Historische zu betonen, haben sie Já, Olga Hepnavrová in Schwarz-Weiß gedreht.

Mit unheimlicher Klarheit umreißt dort im Gerichtssaaldiese moderne Medea, die als Jugendliche nach einem Selbstmordversuch in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht war, die Beweggründe ihres Verbrechens. Aber ist diese vermeintliche Klarheit ein Trugschluss? Ist es die Gesellschaft, die ein Individuum so zugerichtet hat, dass es zwangsläufig zum Verbrecher werden muss? Für das juristische Urteil bleibt diese Abwägung unerheblich: Olga Hepnarová wird am 12. März 1975 gehängt. Sie ist die letzte Frau, die in der Tschechoslowakei hingerichtet wird.

Der Film schließt nicht mit dem Anblick der allein am Galgen hängenden jungen Frau, es folgt noch eine kurze, stumme Sequenz: Olgas Mutter, ihre Schwester und ihr Großvater essen gemeinsam zu Mittag. Die schlichte Szene provoziert einen Reflex: Empörung angesichts der nicht aus dem Takt gebrachten alltäglichen Abläufe in der Familie, während die Tochter respektive Schwester und Enkeltochter gerade hingerichtet worden ist. Kann man da einfach so weiterleben?

Malträtiert mit Tritten

Einfache, unspektakuläre Szenen wie diese sind es, in denen der Film seine stärksten Momente hat. Denn man erkennt: Was bliebe der Familie anderes übrig? Natürlich muss sie, so profan das klingen mag, mittags ihre Suppe essen. Auf stille, unaufdringliche, oftmals nur angedeutete Weise lässt Já, Olga Hepnarová nach und nach die unheilvolle Tragik der jungen Protagonistin, aber auch die ihres Umfeldes deutlich werden. Alles, was die Familie, die Kollegen, die Frauen, mit denen sie kurze Beziehungen hat, ihr zufügen, begreift Olga als Angriff, als Verletzung, als bewusste Demütigung. Sie wird so immer mehr in die Einsamkeit und in den Hass getrieben, der sich am Ende Bahn bricht – ohne einen Blick dafür, dass willkürlich gewählte Menschen ihm zum Opfer fallen.

Warum? Darauf gibt der Film keine eindeutige Antwort. Er bietet nur Indizien an. Die Kälte der Mutter gegenüber der Tochter, der fehlende Vater, der eine immerwährende Leerstelle und Sehnsuchtsfigur für Olga bleibt; die Zimmergenossinnen in der Klinik, die Olga in die Dusche zerren, um sie dort mit Tritten zu malträtieren.