Der kleine Schalter neben dem Fenster ist überklebt. Hausmeisterlicher Warnhinweis, mit Tesa befestigt: "Immer ANLASSEN!!! NICHT AUSSCHALTEN!" Jimmy läuft durch das neue Büro, überlegt, wird unruhig. Was der Schalter bedeutet, was die Missachtung der Warnung verursachen würde? Wir wissen es nicht, Jimmy weiß es nicht. Doch was er tun wird, steht außer Frage. Jimmy, der erfolglose Anwalt aus Albuquerque, New Mexico, legt den Schalter um.

In der letzten Staffel verabschiedete er sich mit der Ankündigung, sich nicht mehr von moralischen Bedenken bremsen zu lassen. "Ich weiß, was mich abgehalten hat", rief er dem Parkwächter zu, "und weißt du was? Es wird mich nie wieder abhalten." Zuvor hatte er es auf die ehrliche Art versucht, er wollte es allen zeigen, die ihn nicht ernst nahmen. Der Frau, die er liebt, und seinem Überbruder, einem gefeierten Juristen. Er wollte zeigen, dass auch in ihm ein guter Anwalt steckt – ja überhaupt ein Anwalt, denn schon sein Jura-Titel erntet Spott, er wurde ihm von der Universität von Amerikanisch-Samoa verliehen. Jimmy war unbeholfen und bemitleidenswert, hatte sein Büro im Hinterzimmer eines asiatischen Beautysalons, dann wieder war er bauernschlau und abgezockt. Slippin’ Jimmy, der Schlitter-Jimmy, irgendwo zwischen Stromberg und der Tom und Jerry-Maus.

Jimmy ist nicht Walter

Ausgedacht hat sich die Figur Vince Gilligan, der als Autor von Akte X groß wurde und als Showrunner von Breaking Bad zum Branchenstar. Allein 16 Emmys räumte die Serie ab, nach dem Finale wurden ihm 75 Millionen Dollar für drei weitere Folgen geboten. Er lehnte ab. Stattdessen konzentrierte er sich auf eine Nebenfigur aus Breaking Bad: Walter Whites kriminellen Anwalt Saul Goodman. Better Call Saul erzählt dessen Vorgeschichte, sechs Jahre vor den Ereignissen um den drogenkochenden Chemielehrer.

Jimmy sei nicht Walter, sagt Gilligan. Und Better Call Saul sei nicht Breaking Bad. Andere Stimmung, andere Charaktere, man könne auch das eine schauen ohne das andere. Gilligan wirkt müde, die Originalität seiner neuen Serie ständig verteidigen zu müssen. "Klar gibt es Leute, die frustriert sind, weil es nicht einfach Breaking Bad Teil zwei ist. Aber die haben ohnehin schon abgeschaltet."