Ständige Überforderung: Szenenbild aus der Krankenhausserie "Code Black" © Pro Sieben

Wenn man in einer deutschen Arzt-Serie in ein Krankenhaus eingeliefert wird, bekommt man im Regelfall auch als basisversicherter Kassenpatient individuelle Rundumversorgung mit Chefarztvisiten und kompetente Empathie in sonniger Doppelzimmeridylle. Wer hingegen eine Klinik in, sagen wir, L.A. besucht, kann eigentlich schon froh sein, wenn er sich nicht, sagen wir, beim Ausglitschen auf der Blutlache eines Schießerei-Opfers den Hals bricht.

Mit so einem Opfer brutaler Gewalt startet auf Pro Sieben jetzt eine neue Mediziner-Serie aus dem Mutterland des Genres, das Anfang der sechziger Jahre im General Hospital seinen Anfang nahm und 30 Jahre später erstmals in der Notaufnahme des Emergency Room gelandet ist. Sie heißt Code Black, womit im kalifornischen Gesundheitssystem ein sehr realer Ausnahmezustand beschrieben wird: Weil die Zahl eingelieferter Notfälle sämtliche Kapazitäten des Personals sprengt, droht die Erstversorgung komplett zusammenzubrechen. Alarmstufe Rot. Akute Todesgefahr am Ort des Heilens. Landesweit wird der Alarm in den USA durchschnittlich keine fünfmal pro Jahr ausgerufen. Am Angels Memorial in Los Angeles tritt der Code Black nahezu täglich ein.

Ausgerechnet in diesem Inferno treten nun vier frische Assistenzärzte ihren Dienst an und werden direkt von einer offenen Halsschlagader begrüßt, die literweise Kunstblut auf ihre frischen Kittel pumpt. In diesem Takt pulsierender Herzen geht es von der ersten bis zur 45. Minute fast pausenlos weiter. Immer mehr Bedürftige zwischen Leben und Tod landen in der heillos überfüllten Notaufnahme. Immer rasanter wird geflickt und gepflastert, geheult und gerenkt, gestorben und gerettet bis nach 25 Minuten, um 00.45 Uhr Ortszeit, tatsächlich der Code Black ausgerufen wird und das Tempo nochmals anzieht.

Absurd hektischer Arbeitsalltag

Angesichts dieser überfrachteten Dramaturgie könnte man an der Glaubwürdigkeit dieser Erzählung zweifeln. Wäre da nicht die vielfach preisgekrönte gleichnamige Dokumentation von Ryan McGarry, auf der die Serie basiert und die den absurd hektischen Arbeitsalltags am L.A. County Hospital genauso zeigt. Die Dokumentation ist keinen Herzschlag langsamer als die fiktionalisierte Variante.

Sicher: Wie George Clooneys legendärer ER gehorcht auch Code Black den Gesetzen des Fernsehens. Das Regime von Schichtleiterin Dr. Leanne Rorish, mit hinreißend verzweifelter Souveränität gespielt von Oscar-Preisträgerin Marcia Gay Harden, ist spannungsgeladen streng, bietet aber stets noch Raum für genretypische Gefühlsduseleien. Die vier neuen Hilfskräfte, allesamt frisch von der Uni, sind besetzt wie eine gute Boygroup: Es gibt den durchtrainierten Rehaugen-Hipster Mario (Benjamin Hollingsworth), die exotisch-kompetente Schönheit Malaya (Melanie Chandra), das blonde Geheimnis Christa (Bonnie Somerville) und einen liebenswerter Wonneproppen namens Angus (Harry Ford). Der Chefpfleger Jesse "Mama" Salander (Luis Guzmán) hält mit Alltagswissen und Maschinengewehrschnauze Genie und Wahnsinn, Theorie und Praxis zusammen.

Kaiserschnitt im Notfallwagen

Abseits dieser genretypischen Klischees aber entwickelt Code Black eine erstaunliche Sogkraft des Authentischen, die gerade aus dessen Absurdität entspringt. Normalerweise würde man es einer Krankenhaus-Serie nicht verzeihen, wenn der Arzt einem eingelieferten Kind ohne jede Untersuchung "Pneumo-Thorax, genetische Disposition" diagnostiziert, nur weil es aus Norwegen kommt. Oder erfolgreich den Kopf eines gestürzte Skateboarders drainiert, während er zugleich am Telefon einen Kaiserschnitt im Notfallwagen souffliert. Im Wissen um den Dokumentarfilm aber saugt man die Extreme hier auf wie der Wischmopp das Blut vom Klinikboden.

An einer Stelle wird der Chefarzt gefragt, wie er das eigentlich alles aushält, den ständigen Druck, die Organspendendebatten, seine Bedenken angesichts eines unzulässigen, aber erfolgreichen Noteingriffs. Entspannt antwortet er: "in einem Fläschchen Tavor", einem kräftigen Beruhigungsmittel.

Die erste Episode von "Code Black" läuft am 24. Februar um 22.15 Uhr auf Pro Sieben.