Besuche bei der Familie verlaufen selten so harmonisch, wie man sich das wünscht: Oberflächlich verheilte Wunden reißen auf, Verdrängtes steigt nach oben, alte Zwänge manifestieren sich, schwelende Vorwürfe, Gefühle von Eifersucht, Neid und Missgunst breiten sich aus. "Man freut sich eigentlich, die Erwartungen sind hoch", erzählte der Regisseur Hans-Christian Schmid vor einigen Jahren, als auf der Berlinale sein Familiendrama Was bleibt uraufgeführt wurde: "Doch dann wird spätestens nach zwölf Stunden gestritten und man weiß sofort, warum man hier lebt und nicht dort. Eigentlich bedeuten einem die Eltern so viel, und man fragt sich, warum das so kompliziert ist."

Richtig dramatisch wird es, wenn dann auch noch größere Verfehlungen und Verbrechen dazukommen, wie in den Filmen von Hans Steinbichler, die sich immer wieder um die Familie als Keimzelle der Gesellschaft drehen, um all die Sprengkräfte, die in Familien wirken. Auch in seinem ZDF-Film Das Dorf des Schweigens kehrt eine Tochter zurück in ihr Elternhaus und wieder geht es um düstere Familiengeheimnisse, um all die Geschichten, von denen man glaubte, sie längst hinter sich gelassen zu haben, die sich aber nie ganz verdrängen lassen. Je mehr alle Beteiligten mit aller Macht versuchen, die Probleme zu vertuschen und zu verschleiern, desto stärker rumoren sie. 

Die Geschichte geht so: Vor rund dreißig Jahren hat Lydia (Ina Weisse) ihrer Bergheimat den Rücken gekehrt. Jetzt ist sie wieder da. Es war die Idee ihrer sehr viel jüngeren Halbschwester Eva (Petra Schmidt-Schaller), sie zu ihrer anstehenden Hochzeit einzuladen. Ein schöner Anlass, dachte sie sich, die unbekannte Schwester endlich kennen zu lernen. Hätte sie ihrer Familie, dem alten, wortkargen Patriarchen (gespielt von dem großen Helmut Lohner), seiner zugleich resoluten und gebrochenen Gattin (Hildegard Schmahl), ihrem Bräutigam und dem Schwager (Hary Prinz) davon erzählt, wäre es wohl nie dazu gekommen.

Vergewaltigung vor 30 Jahren

Gleich bei der ersten Begegnung schüttet Lydia dem Bräutigam Christian (Simon Schwarz) ein Glas Wein ins Gesicht. Es kursieren Gerüchte über ihren labilen Gesundheitszustand, über einen längeren Aufenthalt in der Psychiatrie, ihre Unfähigkeit, ihr Leben zu meistern, ihren Hang, alle vor den Kopf zu stoßen. Wie ein Fremdkörper bricht sie über diese Familie herein, wie eine feindliche Kraft, die das junge Glück und den Familienfrieden angreift.

Am nächsten Tag steht der Dorfpolizist vor der Tür des jungen Paares, Lydia habe den Bräutigam wegen Vergewaltigung angezeigt. Eva ist irritiert, sie könne bezeugen, dass ihr zukünftiger Mann die ganze Nacht bei ihr gewesen sei. Nein, nicht in der letzten Nacht, sondern vor 30 Jahren, als Teenager, erläutert der Polizist. Keiner will das glauben in dem ordentlichen kleinen Dorf, trotzdem breitet sich das Gift des Verdachts zügig aus. Der gerade noch respektierte junge Mann wird als Lehrer untragbar, irgendwann beschleichen auch seine liebende Braut erste Zweifel. Doch über allem steht die Frage: Warum braucht Lydia diese Genugtuung nach so vielen Jahren noch? 

Langsam verlagert sich die Gewichte: Könnte vielleicht doch etwas Wahres an der Geschichte dran sein? Wer weiß davon und schweigt? Man fühlt mit Eva, die, ohne es zu ahnen, mit einer kleinen, versöhnlichen Geste diese familiäre Büchse der Pandora geöffnet und damit vor allem ihr eigenes Leben torpediert hat. Irgendwann steht sie verloren und allein in einem Tunnel, und man spürt, wie unsicher sie ist, ob es besser wäre, all diese Geschichten wieder zurück ins Dunkel zu schieben, oder ob es vielleicht doch heilsamer ist, sie ans Licht kommen zu lassen.