Rot wie die Wut: Deadpool (Ryan Reynolds) © 20th Century Fox

Wenn eine Comicfigur weiß, dass sie eine Comicfigur ist, besitzt das eine gewisse Tragik. Während wir noch immer bloß spekulieren können, ob wir in Wahrheit nicht doch alle Darsteller einer seltsamen Seifenoper sind, deren Drehbuch sich irgendein kosmischer Spaßvogel ausgedacht hat, weiß die mit einer solcherart höheren Einsicht ausgestattete Comicfigur, dass sie auf dem Papier gefangen ist, auf das sie gezeichnet wurde. Damit erledigen sich für sie nicht nur die größeren Fragen der graubärtigen Philosophiegeschichte nach dem Sein und dem Nichts (Antwort: irgendwie beides), sondern sie kann das Wissen um ihre eigene Künstlichkeit gegen das Werk wenden, in dem sie mitspielt. Sie könnte also einen umfassenden Fatalismus an den Tag legen, da sie weiß, dass alles, was sie tut, mindestens folgenlos ist, bestenfalls richtig egal.

Der Marvel-Held Deadpool ist so eine Figur, und nun ist er im Kino zu sehen. Deadpool (Ryan Reynolds) ist ein ehemaliger Elitesoldat im roten Lederdress, er trägt Samuraischwerter auf dem Rücken und ist im Grunde unsterblich. Zumindest machen ihm die Schusswunden, mit denen seine Tage beginnen, nichts aus. Sogar Gliedmaßen wachsen ihm nach.  Seine übermenschlichen Kräfte bekam Deadpool durch Menschenexperimente, die Männer einer dubiosen Organisation an ihm durchgeführt haben. Seither jagt er diejenigen, die ihm das angetan haben. Wo Deadpool auftaucht, hinterlässt er Verwüstung. Und im Gegensatz zu seinen rechtschaffenen Kollegen der X-Men oder der Fantastischen Vier, ist er eher von chaotischer Gesinnung, jemand, der andauernd das Gute will, aber auch das Böse schafft, was ihm aber im Wesentlichen egal ist, solange er dabei Witze machen kann.

Denn noch unverwüstlicher als sein Körper ist sein clownesker Drang, gegen die Comicwelt, in der er lebt, anzuquasseln. Bereits im Vorspann des Films wird der Hauptdarsteller als "größter Idiot der Welt" bezeichnet, Deadpool selbst klebt einen Kaugummi an die Kamera und sagt, als nach anderthalb Stunden nicht weiter erwähnenswerter Handlung der Showdown erledigt ist, die Frau gerettet wurde und alles in Schutt und Asche liegt, Sätze wie: "Beenden wir dieses Epos mit einer Totalen."

Kino - "Deadpool" (Trailer)

Man befindet sich also in einem Film, in dem "die Bühne mit sich selbst Scherz treibt", wie Ludwig Tieck das einmal genannt hat: ein selbstreflexives Spiel wie im romantischen Theater, in dem die Figuren mit dem Zuschauer sprechen und über die Bedingungen der Dramaturgie Bescheid wissen, die den Handlungsverlauf bestimmt.

Deadpool ist in seinen besten Momenten eine Anatomiestunde des Actiongenres im Allgemeinen und des Superheldengenres im Speziellen, eine Dekonstruktion des Knalloballokinos, in der Klischees wie die Kneipenschlägerei, die verruchte, aber verletzliche Femme fatale, coole Sprüche, exzessive Gewalt, Explosionen und Karambolagen, kurz: die gesamte genrespezifische Überbietungslogik nicht bloß durchgespielt wird, sondern auch bis zur Kenntlichkeit entstellt. Deadpool ist so gesehen ein Metafilm, der den Schematismus des Genres parodiert, und die erste halbe Stunde, die erste Schießerei auf einer Autobahn, ist in ihrem cartoonhaften Irrwitz, ihrer perfekten Choreografie, ihrem Zitatreichtum tatsächlich höchstkomisch.

Allerdings, und das ist gleichzeitig das Problem: Ausgestellter Irrwitz wird auf Spielfilmdauer nicht spannender, nur weil er ausgestellt wird. Und obwohl der Film für seine Infantilität und seinen Klamauk zwar ein Bewusstsein zu haben scheint, verbreitet er beides die ganze Zeit. Die humoristischen Register bewegen sich dabei zwischen "Oopsie, Poopsie", "Teletubbyfurz" und "Der Tag war so vergnüglich wie ein Schmirgelpapierdildo". Wenn Deadpools grausam verbranntes Antlitz beschrieben wird, heißt es, es sehe aus, "als hätte Freddy Krügers Gesicht eine topografische Karte von Utah gefickt". Jeder Witz, jede Szene verweist auf nicht mehr außer auf das Genre selbst, das schon in anderen Filmen wie Kick-Ass oder Guardians of the Galaxy nicht unbedingt gewinnbringend persifliert wurde, nur dass Deadpool es jetzt noch einmal hyperbolischer und auf die Länge gesehen noch verkrampft provokanter versucht.

Die Gefahr der Selbstreferenzialität liegt ohnehin immer in der Selbstgenügsamkeit. Dass der Film so im popkulturellen Untergeschoss landet, wo schon all die "Scary Movies" herumsiechen, ist so schade wie die Tatsache, dass man Hollywoods Actionkino, das sich intellektuell gegen sich selbst aufbäumt, offenbar weiterhin ausschließlich Quentin Tarantino überlassen muss. Also wirklich sehr schade.