"Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an den Film denke", sagt Jerry Lewis, und ein bisschen klingt es so, als habe es bei den Dreharbeiten ein schweres Unglück gegeben oder jemand sei ums Leben gekommen. Lewis ist eine lebende Legende, aber der Film, an den er seit mittlerweile 44 Jahren mindestens einmal am Tag denkt, ist nie in die Kinos gekommen: The day the clown cried wurde 1972 gedreht und war das Herzblutprojekt seines Lebens.

Der Film sollte ein Wendepunkt sein: Lewis wollte nicht nur als einer der größten Entertainer des 20. Jahrhunderts gesehen werden, er wollte einen Film machen, den man von ihm nicht erwartet hatte: eine Tragikomödie über einen Clown in einem Konzentrationslager. Nachdem das Projekt, bei dem Lewis als Regisseur und Hauptdarsteller agierte, gescheitert war, war er emotional derart erschüttert, dass alles andere zusammenbrach: In den gesamten 1970er Jahren wirkte er in keinem Film mehr mit. Sein Comeback hatte Lewis 1982 in Martin Scorseses The King of Comedy. Regie führte er erst wieder 1983.

Abgesehen davon, dass er The day the clown cried schlecht fand, hat der bald 90-Jährige zu den Hintergründen des Scheiterns nie viel gesagt. Hin und wieder hat er Interviews abgebrochen, wenn jemand danach fragte. Dem mehrfachen Grimme-Preisträger Eric Friedler ist es für seinen Dokumentarfilm Der Clown nun gelungen, Lewis zu einem ausführlichen Interview zu bewegen. Warum sich der Künstler nach Jahrzehnten des Schweigens nun ausgerechnet jetzt und ausgerechnet ihm gegenüber öffnet, weiß Friedler selbst nicht genau. Sein Verdacht: Lewis habe das Interview zu seinem nie gezeigten Film als eine Art "Testament" verstanden. "Ich war vielleicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort", sagt der NDR-Redakteur.

Entführte Filmrollen

The day the clown cried ist von den mehr als 4.300 teilweise oder komplett verschollenen Werken der Filmgeschichte, die die Deutsche Kinemathek in ihrer Datenbank Lost Films aufführt, einer der Meistgesuchten. Ein nur sieben Minuten langes Video, das überwiegend aus Making-of-Material besteht, kommt bei YouTube derzeit auf fast 885.000 Zugriffe. Die BBC war zu Beginn des Jahres aus dem Häuschen, weil sie es geschafft hatte, an bisher nicht bekannte Setfotos heranzukommen. Allein diese Entdeckung war dem Sender eine halbstündige Online-Reportage wert. Nur wenige Menschen haben bisher maßgebliche Teile von The day the clown cried gesehen, vermutlich sind es weniger als ein Dutzend.

Die Dreharbeiten zu dem Film, für den Lewis an verschiedenen Orten nationalsozialistischer Vernichtung recherchierte ("Allein in Bergen-Belsen war ich neun Tage"), fanden 1972 hauptsächlich in Schweden statt. Lewis habe als Darsteller Menschen gebraucht, die wie Deutsche aussehen, sagt NDR-Kulturchefin Patricia Schlesinger, die den Film redaktionell betreut hat. Auch landschaftlich passte Schweden zur Handlung. Die Hauptfigur ist Helmut Doork, ein von Lewis gespielter deutscher Zirkusclown, der aufgrund spöttischer Bemerkungen über Hitler im KZ landet. Dort fängt er an, mit Späßen die inhaftierten Kinder zu unterhalten. Am Ende wird er gezwungen, eine Gruppe von Jungen und Mädchen in die Gaskammer zu führen.

Kurz vor Ende der Dreharbeiten schnappte sich Lewis drei Filmrollen, floh nach L.A. und ward in Schweden nie wieder gesehen. Auf den ersten Blick eine Kurzschlusshandlung, ein Akt des Wahnsinns. Friedler ist es nun gelungen, einen Teil des übrigen Materials aufzutreiben, inklusive zahlreicher Schlüsselszenen. Möglich war das, weil er Hans Crispin fand, einen heute 56-Jährigen, der Anfang der 1980er Jahre bei der Firma jobbte, die das Drehmaterial lagerte. Als seine Chefs die Rollen zu Lewis‘ Film entsorgen wollten, gelang es ihm, wenigstens neun davon zu retten. Mehr als drei Jahrzehnte lang habe er darauf gewartet, dass jemand in der Angelegenheit an seine Tür klopfe, sagt Crispin in Friedlers Doku.