Roger Willemsen nannte es einmal Konträrfaszination: Man sitzt vor einer grauenhaften Fernsehsendung und kann einfach nicht aufhören zu gucken. Ähnlich wie man eine Tüte Kartoffelchips auf Gedeih und Verderb aufessen muss. Anders als die ZDF-Miniserie Familie Braunhat eine Tüte Kartoffelchips immerhin einen Inhalt.

Familie Braun, das sind zwei depperte Jungs mit den originellen Namen Stahl und Braun, die in einer WG leben und ihrem rechtsradikalen Gedankengut frönen. An der Wand hängt ein riesiges Plakat von Hitler, irgendwo baumelt die Hakenkreuzfahne, und überhaupt ist die Wohnung miefig und muffig – ein braunes Mauseloch eben, in dem Gewaltvideos und Pornos laufen. Die Jungs wollen sich für ihren Youtube-Kanal gerade dabei filmen, wie sie mittels Kartoffeldruck Hakenkreuze und Runen aufs Papier zaubern, als es an der Tür klingelt und plötzlich die dunkelhäutige sechsjährige Tochter (Nomie Lane Tucker) von Braun (Edin Hasanovic) vor der Tür steht.

Das süße und bald schulpflichtige Ergebnis eines One Night Stands wird von der Mutter abgeliefert. Sie müsse verreisen, sagt sie, meint damit aber: Sie wird abgeschoben. Während die guten deutschen Kartoffeln im Hintergrund vor sich hinschrumpeln und das Mädchen dauerlächelnd die beinharten Devotionalien unrühmlicher deutscher Geschichte bestaunt, schießt Stahl die Frage ab: "Du hast `ne Negerin geknallt?" Und Braun schießt mit Schalldämpfer zurück: "Damals war sie heller."

Es wird immer schlimmer

Das Drehbuch für die sechsminütigen Folgen hat der Autor Manuel Meimberg geschrieben, Regie führte Maurice Hübner. Für Familie Braun rührte das ZDF kräftig die Werbetrommel. Alle acht Episoden feierten Premiere im Kino Babylon. Dann liefen sie auf Youtube, dann in der ZDF-Mediathek und nun im Fernsehen. Laut Sender setzten sich Autor und Regisseur "humorvoll mit dem Thema Rechtsradikalismus" auseinander. Das haben schon viele versucht und viele sind daran gescheitert. Meimberg und Hübner aber haben sich entsetzlich lächerlich gemacht. Die Dialoge sind an Plattheit kaum zu überbieten:

"Ist das eine Sonne?" fragt das Mädchen.
"Nein, das ist ein Hakenkreuz."
"Das ist voll schön."

Schon nach den ersten Minuten möchte man am liebsten abschalten, wäre da nur nicht die Konträrfaszination. Man fragt sich eben nicht mehr, wann es endlich besser wird. Man fragt sich, wann es noch schlechter und schlimmer wird. Man fiebert der endgültigen Implosion des Verstandes förmlich entgegen. Bald wird dem Kind, das nicht aufhören will, Fragen wie aus der Sesamstraße zu stellen, aus Mein Kampf die Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen, bald wird es erfolglos ausgesetzt, bald wird es eingeschult.

Gesinnungsidiotie wie im Kindergarten

Und bald kommt auch Lehrer Bärenkamp (Stephan Grossmann) auf einen Elternbesuch vorbei. Die Wohnung wird gründlich durchgeputzt, um die Spuren der Ideologie zu verwischen, doch wie sollen wir staunen, als sich Bärenkamp als bekennender Neonazi zu erkennen gibt und dem Vater rät, seinen "Mischling" aus der Klasse zu nehmen. Was raffiniert und womöglich besonders perfide wirken soll, ist letztlich auch nur geschmacklos und realitätsfern, denn längst sind Migrantenkinder in Schulklassen Alltag.

Diese Serie, die nach den Erfolgen diverser kleiner Webserien giert und unter Mithilfe von so genannten Youtube-Stars wie Florian Mundt (LeFloid), Max Krüger (Doktor Froid) und Steven Schuto (Space Frogs) entstand, ist gehörig schiefgegangen. Man nimmt den armen beiden Tröpfen aus dem Plattenbau nicht einmal ihren Rechtsradikalismus ab. Stahl und Braun sind einfach nur zwei Kasperfiguren, die sich ihre Gesinnungsidiotie wie im Kindergarten jeden Tag aufs Neue zusammenbasteln. Man traut ihnen nicht einmal zu, dass sie Rechts von Links überhaupt unterscheiden können.

Eine Jogginghose macht noch keinen Neonazi, und die Wandlung vom Saulus zum Paulus durch Kind, Frau oder Tier ist Dutzendware im Filmgeschäft. In einer Zeit, in der Gesinnungsunrat im Netz zur Selbstverständlichkeit geworden ist und von dort wieder vermehrt auf die Straße schwappt, zielt derlei tumbe Verballhornung von Rechtsradikalismus meilenweit am Ziel vorbei. Was Familie Braun in sechs Folgen versucht, haben die Ärzte in ihrem Lied Schrei nach Liebe 1993 in vier Minuten geschafft. Wenn die Serie an irgendetwas in uns appellieren will, etwas wachrütteln will, muss man sagen: Das ist gründlich misslungen.

Auf seiner Internetseite sagt Manuel Meimberg, er liebe Figuren, die vor der härtesten Entscheidung ihres Lebens stehen. Diese Serie zu gucken wäre eine.

"Familie Braun" läuft ab Freitag, den 12. Feburar, um 23 Uhr im ZDF.