Gleich zu Anfang in Martin Scorseses Film Aviator ermahnt Leonardo DiCaprio einen Mann, er solle ihn bitte nicht Junior nennen. Er habe schließlich einen richtigen Namen, er wolle bitte ernst genommen werden. Natürlich spricht hier nicht DiCaprio selbst, sondern seine Figur Howard Hughes, der Flugzeugfanatiker, der am Ende des Films ein Wrack sein wird.

Aber man kann diesen Satz durchaus auch auf den heute 41-jährigen Schauspieler beziehen, dessen Karriere seit zwei Jahrzehnten ein sonderbarer symbolischer Überschuss begleitet. Seit er Jack Dawson gespielt hat, seit er zusammen mit der Titanic im Eismeer versank, Kate Winslet ihm hinterherschluchzte und Celine Dion dazu ihren musikalischen Nudelsalat sang, kurz: seit dieses kuriose Phänomen begann, das wirklich Leomania hieß.

Wer DiCaprios Karriere nur halbherzig verfolgt hat, wer immer noch glaubt, er sei nicht mehr als ein inzwischen gealterter Jungschauspieler, könnte sich nun wundern: Leonardo DiCaprio hat einen Oscar gewonnen. Alle anderen können sagen: Endlich. Die Academy zeichnete DiCaprio für seine Darstellung des Trappers Hugh Glass in Alejandro Iñárritus Film The Revenant aus. Es hieß bereits vorab, er spiele hier verzweifelt um die Auszeichnung, jetzt müsse er sie bekommen. Manche vermuteten auch, DiCaprio habe die Rolle nur deswegen angenommen. Wer sich vorstellt, wie die Academy seine Arbeit bewerte, hat DiCaprio einmal gesagt, begebe sich in eine Schlacht, die man nur verlieren könne. Wenn man es genau nimmt, ist The Revenant kein Gewinnerfilm, was weniger an DiCaprio liegt als an dem Gefühlsextremisten Iñárritu. Aber verglichen mit anderen, früheren Rollen, ist es verwunderlich, dass DiCaprio erst jetzt den Oscar bekommt. Und das für eine Rolle, in der er nur wenige seiner Register ziehen kann. Da ist zwar das Ungestüm, aber darüber hinaus eine Eindimensionalität des Leids, das sich in Seufzen und Stöhnen erschöpft.

Die schönste Wasserleiche der Filmgeschichte

Und es ist ebenso verwunderlich, dass auch 17 Jahre nach Titanic allenthalben erwähnt wird, DiCaprio spiele noch immer gegen sein Image an, das ihm seit der Rolle des Jack Dawson anhaftet, der schönsten Wasserleiche der Filmgeschichte. Erstaunlich, dass offenbar immer wieder bemerkt werden muss, er habe nach Titanic vor allem Söldner und Hochstapler gespielt. Als müsse DiCaprio dem Zuschauer und vor allem Hollywood beweisen, dass er nicht bloß der Teenieschwarm ist, dem weibliche Fans während öffentlicher Auftritte die Beine umklammern und nach dessen Mittelscheitel Friseure in Afghanistan den Titanic-Haarschnitt verkaufen. Es war, als müsse er auf ewig der Junge mit dem arkadischen Namen bleiben, der sein Image des Jungmädchenschwarms demontieren möchte, sich hoffnungslos zu emanzipieren versucht von der Rolle in Titanic, die er selbst beinahe nicht angenommen hatte, weil sie ihm möglicherweise damals, mit 23 schon, zu unseriös vorkam. Weil er schon Jahre zuvor beinahe einen Oscar erhalten hatte für seine Rolle als geistig behinderter Provinzjunge in Gilbert Grape, einem Film, in dem er Johnny Depp mit Leichtigkeit überstrahlte.

Der Regisseur Lasse Hallström soll DiCaprio damals gesagt haben, er solle spielen, wie er es für richtig hielte, und DiCaprio spielte mit eben diesem unbehauenen Naturalismus, wie er auch in Basketball Diaries auftrat als heroinsüchtiger Straßenjunge und auch in Baz Luhrmanns grandioser Shakespeare-Adaption Romeo und Julia, wo DiCaprio den von Sehnsucht zerrissenen Romeo mühelos in eine zeitgemäße Videoclip-Ästhetik übersetzte. Er sei der neue Brando hieß es da, weil das amerikanische Starsystem immer nach den Nachfolgern der ganz Großen sucht. Das ist geschenkt. Man könnte aber sagen: Titanic war ein Ausrutscher, der Aufstieg zum Teenie-Idol war ein Ausrutscher und Leonardo DiCaprio war schon in seinen frühen Filmen immer dann am besten, wenn er Härte und Verwundbarkeit zeigen sollte, rohe Emotion.