Als sich Mickey und Gus in einer Tankstelle zum ersten Mal begegnen, hat Mickey kein Geld dabei, braucht aber dringend einen Kaffee. Sie bietet dem Verkäufer an, den Kaffee einfach später zu bezahlen, er will davon nichts wissen, sie braucht aber genau jetzt wirklich dringend diesen Kaffee, die Lage droht zu eskalieren. Dann interveniert Gus: Er bezahlt das Getränk und kauft Mickey eine Packung Parliaments. "Don’t be a hero", sagt sie, als sie mit dem Kaffee und der Zigarette vor der Tankstelle steht, dabei hat er sie ja wirklich gerettet.

Dann nimmt eine Liebesgeschichte zwischen zwei Mittdreißigern ihren Lauf, in der beide nichts Besonderes entdecken, nur eben einander. Gus ist schmal, blass und in seinem hyperspezialisierten Popkultur-Kanon so verloren, dass er mit Gleichaltrigen im Grunde überhaupt nicht mehr sprechen kann. Die anderen Erwachsenen richten Häuser ein, er erzählt, dass er eines Tages Drehbücher schreiben will. Selbst die jungen Schauspieler, denen er als Hauslehrer am Set Unterricht gibt, sind erfolgreicher als er.

Mickey hingegen ist charmant und redegewandt und glaubt auf ziemlich unglamouröse Weise an gar nichts mehr. Sie ist nicht aus freiem Willen Nihilistin, sondern aus Notwehr. Sie arbeitet bei einer Radio-Talkshow, in der ein Psychologe Trost und Aufmerksamkeit an ein Publikum verkauft, das er verachtet, weil es so unoriginelle Probleme hat. Mickey und Gus sind sehr verschieden, aber ungefähr im gleichen Maße einsam und verängstigt und das ist doch immerhin schon etwas.

Die Figuren wissen es besser

"Du bist wie ein vierzigjähriger Zwölfjähriger", sagt Mickey zu Gus, als sie sich an ihrem ersten gemeinsamen Tag einen Joint teilen. Dann raucht sie den Joint so anmutig und selbstvergessen, dass Gus den Blick kaum von ihr abwenden kann: "Das ist, als würde ich meinem Vater beim Reifenwechseln zuschauen." Love tut für das Kalifornien der zehner Jahre ungefähr das, was Woody Allens Manhattan für das New York der Siebziger gemacht hat: Die Serie beschuldigt die amerikanische Kultur, romantische Liebe systematisch zu verhindern, muss sich aber gleichzeitig von ihren eigenen Protagonisten widerlegen lassen.

Judd Apatow hat mit The 40 Year Old Virgin oder This is 40 zwei der erfolgreichsten Komödien seit der Jahrtausendwende gedreht, mit Funny People aber auch eine der besten. In seiner Highschool-Serie Freaks and Geeks hat er die Fernsehöffentlichkeit zum ersten Mal mit den Schauspielern Seth Rogen und James Franco bekannt gemacht. Love ist nun seine bislang schwermütigste Produktion: Bis jetzt konnten sich Apatows Figuren mit ihrem Humor immer noch über die gröbste Melancholie hinweghelfen. Das gelingt ihnen hier nicht mehr. Wenn sie darüber diskutieren, ob ein Blowjob beim ersten Date okay ist, kommen sie zwar immer noch zu dem Ergebnis: Ja, Blowjobs sind das neue Rumknutschen. Aber es tröstet sie nicht mehr.

Einfach nette Leute

Der Zauber dieser Serie besteht nicht zuletzt darin, dass Mickey und Gus im jeweils anderen nicht ihre Rettung sehen, sondern ein Spiegelbild des eigenen Martyriums, das darin besteht, im Schatten der Hollywood Hills unglücklich zu sein. Es ist eben nicht so, dass die Menschen im freiheitlichen Kalifornien keinen konkreten Auftrag hätten: Der Auftrag besteht ausdrücklich darin, glücklich zu sein und, sollte einem das schwerfallen, es sich auf keinen Fall anmerken zu lassen. In beiden Disziplinen hängen Mickey und Gus weit hinterher.

"Wir sind einfach zwei nette Leute, die ihr Bestes gegeben haben und besser können wir es eben nicht", sagt Gus relativ spät in der ersten Staffel. Bis dahin fühlten sich Mickey und Gus von der kalifornischen Glücksindustrie vor allem eingeschüchtert. Jetzt stellen sie erleichtert fest, dass diese Industrie oft hart und mitleidlos ist und für zwei nette, durchschnittlich glücksinteressierte Leute wie sie weder die Zeit noch die Geduld hat. Sie sind hier einfach falsch. Das ist natürlich bitter, aber was soll man sagen: Apatow ist auch in dieser Serie wieder dann am lustigsten, wenn die Verzweiflung am größten ist.

"Love" ist ab dem 19. Februar auf Netflix verfügbar.