Ist diese Adresse nun ein Versprechen oder doch nur Hohn? Sterne oder gar Sternschnuppen fallen in der Meteorstraße jedenfalls keine vom Himmel, diese Straße unmittelbar hinter den Start- und Landebahnen von Berlin-Tegel ist vielmehr eine Gegend, in der das Wünschen schon lange niemandem mehr geholfen zu haben scheint. Flugzeuge donnern alle Augenblicke über das Dach des maroden, verwahrlosten Hauses, in dem der 18-jährige Palästinenser Mohammed (Hussein Eliraqui) mit seinem reichlich aus der Bahn geratenen älteren Bruder (Oktay Inanç Özdemir) lebt.

Vermutlich ist auch die Maschine, mit der die Eltern der Brüder vor einiger Zeit in den Libanon abgeschoben worden sind, noch einmal über die Meteorstraße gelärmt. Das Unbehagen über den Krach der Flugzeuge, der zudem auf unheilvolle Art an die Luftangriffe erinnert, vor denen Mohammed mit der Familie ein paar Jahre zuvor nach Deutschland geflohen sind, scheint dem Jungen permanent den Nacken hinaufzukriechen.

Auch die Kamera in Meteorstraße kommt dem Protagonisten immer wieder bedrängend nahe, rückt ihm in den Nacken und bis an einzelne entzündete Barthaarstoppeln und Hautporen heran, schwankt dabei eben so unstet und unsicher, wie Mohammed selbst es ist: abgestoßen und dann doch wieder angezogen von seinem Bruder, den die vermeintlichen Verlockungen der westlichen Welt – Alkohol und käuflicher Sex – so sehr ins Straucheln gebracht haben, dass der nur durch besonders lautes und brutales Gebaren immerhin sich selbst noch vormachen kann, dass er ein ziemlich cooler Typ ist; angezogen und dann auch wieder weggestoßen von den Betreibern einer kleinen, heruntergekommen Motorradwerkstatt, in der Mohammed gern einen Lehrvertrag hätte, aber immer nur als Handlanger geduldet ist. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil die Verhältnisse hier ebenfalls prekär sind. Angezogen und doch auch immer wieder weggedrückt wird der Junge auch von seinem Vater im fernen Libanon, mit dem er sehnsüchtig am Telefon spricht, der ihm aber stets unerbittlich bedeutet: In dieses Land, in das die Eltern zurückkehren mussten, kann der Sohn nicht kommen.

Suche nach Heimat

Sicher, bei Aline Fischers Meteorstraße liegen Formulierungen wie "Film der Stunde" nahe. Sehen wir hier nicht die exemplarische Geschichte eines heimat- und haltlosen Kindes von Flüchtlingen? Ist das böse Ende nicht vorprogrammiert? Werden nicht bald schon Halt, Identität, Gruppenzugehörigkeit von falscher Seite angeboten werden? Dass orientierungslose Jugendliche gezielt etwa von Islamisten angeworben werden, ist derzeit ein drängendes Problem für Lehrer und Sozialarbeiter.

Aber ganz so einfach macht es sich die Regisseurin und Drehbuchautorin nicht. Ihre Berlin-Bilder scheinen oft zeitlos und ortsunspezifisch, wie irgendwo im trostlosen Nirgendwo aufgenommen. Das marode Haus, in dem die Brüder leben, die baufällige Motorradwerkstatt könnten genauso gut in einer x-beliebigen Kleinstadt der späten achtziger oder frühen neunziger Jahre stehen. Zugleich zeigt der Film nur wenig von alltäglichen Diskriminierungen. Im Gegenteil. Es ist beinahe schon ein wenig zu rührselig, wie die raubeinige Motorradschrauberrunde (auf den Punkt besetzt mit Bodo Goldbeck, Sebastian Günther und Denis Golmé) sich mit ihren ja doch irgendwie beschränkten Möglichkeiten des Jungen anzunehmen versucht.

Als Suche nach Heimat und Aufgehobensein – so könnte man Aline Fischers Film auch jenseits zeitkritischer politischer Bezüge begreifen. Rüttelt die Sehnsucht nach beidem doch gerade an jenen, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehen und Angst haben, beim Aufspringen auf den Zug, der sich Leben nennt, ins Stolpern zu geraten. Und ein staatenloser Palästinenser wie Mohammed eignet sich zur Veranschaulichung dieses nicht immer schmerzfreien Weges eben besonders gut.

Befremdliche Wasserballettnixen

Die Figurenkonstellation, die Fischer ihrem Film zugrunde legt, verleiht ihm aber schlussendlich doch einen deutlichen Bezug zur aktuellen Flüchtlingsdebatte. Hat dieser Junge es nicht zuletzt vor allem deshalb so schwer, weil er sich in einem reinen Männerumfeld durchschlagen muss, ähnlich wie sich viele Migranten in einem männlich dominierten Umfeld zurechtfinden und durchsetzen müssen?

In Meteorstraße jedenfalls tauchen weibliche Wesen nur als einigermaßen befremdliche Erscheinungen auf: als Wasserballettnixen hinter einer Glasscheibe und als alternde, unschön tätowierte Table-Tänzerinnen. Als gegen Ende plötzlich eine junge Frau neben Mohammed in einer Bushaltestelle sitzt, ist man als Zuschauer beinahe genauso überrascht wie der Junge selbst. Ob mit ihm alles in Ordnung sei, fragt die junge Frau, und deutet auf das kleine Pflaster auf seiner Wange. Wenn auf diese Frage nur schon früher einmal jemand gekommen wäre.