Es gibt gemütlichere Zeiten, um 150.000 Euro aufzutreiben als mitten in der griechischen Krise. Stelios (Stelios Mainas) schuldet der Mafia Geld und hat von ihnen ein Ultimatum bekommen: Innert 32 Stunden die Schulden abzahlen oder er ist seinen Jazzclub los. Stelios hastet durch das nächtliche Athen, um das viele Geld einzutreiben, das ihm selbst geschuldet wird, er hastet der titelgebenden Deadline entgegen: Mittwoch 04:45. Wie kann man Alexis Alexious hochstilisierten Neo-Noir-Film sehen, ohne ihn als Metapher für die Krise zu lesen?

Stelios hat Kredite bekommen aus Europa, aus Rumänien, sehr billige Kredite sogar, 3,5 Prozent Zinsen nur, dazu die ersten zwei Jahre zinsbefreit. Die Konditionen waren so gut, da hat Stelios gleich mehrmals zugelangt. Sein Koksproblem dürfte nicht geholfen haben. Jetzt will der Rumäne sein Geld zurück. Der Rumäne sagt, seine griechischen Freunde erzählen, Stelios lebe auf großem Fuß, teures Auto, großes Haus. Es dürfte also kein Problem sein, in 32 Stunden 150.000 Euro aufzutreiben. Das könnte auch die Bild-Zeitung über Griechenland gesagt haben: diese paar Milliarden, können doch einfach ein wenig arbeiten, die Griechen.

Im Hintergrund brodelt die Stadt, in Wortfetzen und Nebensätzen dringt die sich ausbreitende Armut in die Geschichte ein. Ein befreundeter Banker kann nicht glauben, dass Stelios plötzlich 150.000 Euro braucht. "Auf der Straße wird man schon für 20 Euro erstochen", eine zweite Hypothek könne er nicht aufnehmen, antwortet Stelios, "sieh dich um, jeder versucht zu retten, was er kann." Das Fernsehen dröhnt: "Barrikaden, fliegende Steine, Tränengas, Nahkampf und Banken mit kaputten Scheiben." Das Radio verkündet: Die Polizei versuche einen Anschlag auf den städtischen Weihnachtsbaum zu verhindert.

Zerfallender Körper in einer zerfallenden Gesellschaft

Dazu zerfällt auch noch Stelios' Familie. Seine Frau ermahnt ihn, sich endlich für die Kinder zu interessieren, sie von der Schule abzuholen, ein guter Vater zu sein. Seine Affäre liebt er nicht, seinen Jazzclub umso mehr, der nicht mehr läuft, auch wenn das Programm liebevoll und mit großer Expertise zusammengestellt ist. Es ist zum Haareraufen. Und tatsächlich fallen Stelios die Haare aus, seine Nase blutet, sein Körper zerfällt vor lauter Stress, wie sein Land sich in seine Einzelteile auflöst.

Die Geschichte ist in Kapitel unterteilt, deren Titel Dialogzitate sind. In diesen Vignetten erkundet der Film die Unterwelt Athens, die Szenen münden in Wut und in Gewaltausbrüchen. Stripperinnen ohrfeigen ihre Chefs, als sie entlassen werden, weil niemand mehr als ein Getränk zahlt. Falsch abgestellte Autos werden mit Hockern attackiert, Grundschulkinder rufen "Fuck the police" und werfen ihre Schokomilchkartons gegen die Scheiben wie zuckrige Molotowcocktails. Jugendgangs zertrümmern Schädel mit Betonklötzen. Die Gesellschaft, die nur am Rand der Geschichte erscheint, zerbirst in Gewalt. Ein bettelnder Junkie an der Kreuzung schreit ein Auto an: "Es ist nicht gefährlich, mich anzufassen." Bin ich kein Mensch, verdiene ich keine Würde? Das sind auch Sätze, die Griechen sagen, wenn sie über die Schuldenkrise sprechen, über Europa, über die Troika, über Deutschland. Ein Drogendealer rollt auf einem Skateboard herbei, doch die Preise für Koks sind gestiegen. "Stagflation" zuckt er mit den Achseln. Dem Teenager kommt der ökonomische Jargon so einfach über die Lippen wie den Griechen in allen Kneipen des Landes, dass man denkt, das ganze Land habe Wirtschaft studiert. Haben die Menschen in einem gewissen Sinne auch. Crashkurs an der Volkshochschule: Eurokrise.

Kino - "Mittwoch 04:45" (Trailer)

Das wirkt oft etwas plakativ, aber wenn die Krise so umfassend ist, ist das Plakative oft die Wahrheit. Alexious Drehbuch weist andere Schwächen auf. Die schematische Geschichte wimmelt von Figuren mit wenig Tiefe. Doch solche Defizite werden von seiner Regie aufgewogen. So erinnert der Neo-Noir inklusive seines Showdowns in einem zur Zeitlupe geronnenen Regenschauer an Meister wie John Woo oder Michael Mann. In Grün- und Gelbtöne getaucht ziehen Neonschilder vorbei, deren Lichter in üppigen lens flares das Bild überstrahlen. Dazwischen ruhen Ansichten vom nächtlichen Athen, diesem schrecklichen Moloch, der doch so schön ist und durch den fünf Millionen Menschen hasten, die versuchen ihre Schulden zu bezahlen.