Gael García Bernal als Rodrigo De Souza © Amazon

Hat jemand den blassen Mann in der roten Trainingsjacke erkannt, der beim Gruppenbild des Super Bowl hinter Beyoncé und Chris Martin stand? Das war Gustavo Dudamel – oder die lebende Metapher für die klassische Musik in Zeiten von Sponsoren-Entertainment. 115 Millionen Zuschauer sahen am vergangenen Sonntag in der Halbzeitpause des Footballspiels, wie ein paar namenlose Kinder auf ihren Geigen herumschrammten, während Coldplay, die britische Familienpopband mit Hollywoodanschluss, ihren Welthit Viva La Vida in die Arena blies.

Gustavo Dudamel, ein Star der Klassikszene und Leiter des Youth Orchestra Los Angeles, hatte die Kinder hierhergeführt, aus den Armenvierteln von L.A. auf die größte Fernsehbühne. Vorgestellt wurden er und seine Musiker nicht. Neben Cash Cows wie Lady Gaga, Beyoncé, Bruno Mars oder Coldplay spielt einer wie Dudamel eben allerhöchstens die, ja, dritte Geige.

So ist es in der Unterhaltungsindustrie: Wo innovationshungrige Popkultur verkauft und konsumiert wird, bleibt der traditionsbewussten, konformistischen, bisweilen diffizilen Klassik nur eine Außenseiterrolle – es sei denn, sie verkleidet sich als Pop. Meist kommt sie dann dümmlich daher wie in Person von David Garrett oder Vanessa Mae, beziehungsweise albern wie in Darreichungsformen als Classic Afterwork Lounge Club oder Chill Out Moments Vol. 1.

Schweres Instrumentarium

Ganz selten aber glänzt sie in dieser neuen Rolle. Die amerikanische TV-Serie Mozart in The Jungle ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie man den Kosmos der klassischen Musik in ein kurzweiliges, kluges und populäres Format übersetzen kann. Sozusagen die Unterwanderung der Unterhaltungsindustrie mit schwerem Instrumentarium. Leicht wie ein Menuett, vorhersehbar wie ein Da-Ponte-Libretto und voller Wahrheiten wie Die Zauberflöte. Gerade wurde die Amazon-Produktion mit zwei Golden Globes ausgezeichnet.

Die Serie basiert auf dem Buch Mozart in the Jungle: Sex, Drugs, and Classical Music, in dem die Oboistin Blair Tindall 2005 ihr Leben als Profimusikerin in New York beschrieb. Man kennt die Geschichten: Konkurrenzkampf in der Kulturmetropole, verzweifelnde Riesenegos, Leben an der Armutsgrenze, Kompromisse schweren Herzens – alles für die Kunst! Da hat sich nicht viel geändert in den vergangenen Jahrhunderten. Mozart ging es seinerzeit ganz ähnlich, und das ist nicht erst seit Miloš Formans übersüßtem Kinoknaller Amadeus von 1984 bekannt.

Dass Mozart in The Jungle, deren zweite Staffel jetzt auf Deutsch anläuft, zu einem solchen Fernsehvergnügen wurde, ist vor allem dem Produzententeam zu verdanken. Hier zieht der weitverzweigte, stilsichere Coppola-Clan die Fäden: Roman Coppola und sein Cousin Jason Schwartzman haben mit Paul Weitz das Drehbuch entwickelt. Der 98-jährige Uronkel Anton Coppola, selbst Komponist und Dirigent, hat einen Gastauftritt. Und für die Hauptfigur konnte der großartige Gael García Bernal gewonnen werden.

Vorbild Dudamel

Bernal spielt einen modernen Großstadt-Mozart, den jungen, unkonventionellen Dirigenten Rodrigo De Souza aus Mexiko, der das Pult der New Yorker Symphoniker übernimmt. Und es ist offensichtlich, dass sich seine Figur am Leben und Schaffen von Gustavo Dudamel orientiert. Dudamel betrat die Weltbühne vor einigen Jahren als Wunderkind aus Venezuela, als strahlender Botschafter des Musikschulprogramms El Sistema, das Kindern aus sozial schwachen Familien eine Bildungsperspektive bietet. Mittlerweile ist er Chef des Los Angeles Philharmonic Orchestra und wird 2017 mit 35 Jahren als jüngster Dirigent das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker leiten. So ein Tausendsassa also ist auch der fiktive Rodrigo de Souza aus der Serie.

Seine weibliche Gegenspielerin ist die aufstrebende Oboistin Hailey Rutledge, die sich als Privatlehrerin durchschlägt und versucht, bei den New Yorker Symphonikern Fuß zu fassen. Natürlich erkennt Rodrigo (sein Name wird ausschließlich im Brustton tiefster Bewunderung und lateinamerikanischer Leidenschaft ausgesprochen) ihr Talent und macht sie erst einmal zu seiner persönlichen Assistentin. Lola Kirke, übrigens die Schwester von Jemima Kirke aus Girls, verkörpert Hailey mit überzeugender Tolpatschigkeit.