Ein türkisches Dorf, weit entfernt von Istanbul. Zwei Familien sind zusammengekommen, um ihre Kinder miteinander zu vermählen. "Das ist Sonay, sie ist einzigartig", preist die Großmutter ihre Enkelin an. Kaum sind die beiden aus dem Raum, macht die widerwillige Braut deutlich: Wenn sie diesen Mann heiraten muss, wird sie laut schreien, jetzt sofort. Also stellt sich kurz darauf die nächste Enkelin der künftigen Familie vor. "Das ist Selma", sagt die Oma, "sie ist auch einzigartig."

Wie austauschbar die Ehepartner einer Zwangsheirat unweigerlich sein müssen, wie leer dadurch die (Glücks-)Versprechungen, das macht der Film Mustang mit einer einzigen Szene deutlich. Sie lebt von ihrer Absurdität, jener Art des Humors, die neben dem Witz jede Menge Melancholie transportiert.

Sein spezieller Tonfall macht das Langfilmdebüt der türkisch-französischen Regisseurin Deniz Gamze Ergüven zu einem wahrhaft großen Werk, nominiert für den diesjährigen Oscar als bester fremdsprachiger Film. Ein Drama über fünf heranwachsende Schwestern in der anatolischen Provinz, das derart viel ungebändigte Lebensfreude versprüht, sonnendurchflutete Einstellungen wie auch komische Momente bietet, dass die Gattungsgrenzen angenehm durchlässig werden. Und das bei all dem von der wohltuend unaufdringlichen Filmmusik des australischen Komponisten und Nick-Cave-Intimus Warren Ellis untermalt wird.

Das Unheil bricht am letzten Schultag vor den Sommerferien über die Schwestern herein. Den Beginn haben sie eben noch ausgelassen herumalbernd beim Planschen im Schwarzen Meer gefeiert. Zu Hause angekommen, setzt es eine Moralpredigt der Großmutter. Die Nachbarin habe vom "obszönen Verhalten" der Mädchen berichtet, denn was viel schwerer wiegt als die klatschnassen Schuluniformen: Bei den unschuldigen Wasserspielen waren Jungs dabei.

Die handfeste Schelte ist nur die erste von zahlreichen Sanktionen. Das Schminkzeug verschwindet aus den Mädchenzimmern, die zerrissenen Jeans, auch Computer und Telefone. Nach und nach verwandelt der Onkel, bei dem die fünf Schwestern nach dem Tod der Eltern gemeinsam mit ihrer Großmutter leben, das Zuhause in eine Festung, in Isolationshaft. In eine vermeintliche Trutzburg gegen die unsittlichen Verlockungen der Außenwelt. In eine "Fabrik für Ehefrauen", in der Kochen und Backen auf der Tagesordnung stehen. Trotzdem gelingt den Mädchen wieder und wieder der Ausbruch, mit immer radikaleren Mitteln.

Ergüvens Kunstgriff besteht darin, ihre Geschichte aus der Sicht der jüngsten Schwester zu erzählen. Die 12-jährige Lale bringt die nötige Unbedarftheit und eine daraus resultierende Leichtigkeit mit. Ihre Perspektive verhindert, dass der Film zum thesenschweren Pamphlet gegen überholte Rollenbilder gerät. Welche Unterdrückung sich hier vollzieht, versteht der Zuschauer ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Was schiefläuft, zeigt sich allein durch den Kontrast zwischen der überbordenden Lebensgier der fünf jungen Frauen sowie der lustfeindlichen Erziehung, der sie ausgesetzt sind und die ihren Widerstandsgeist langsam, aber sicher brechen soll.