Der Film "Spotlight" ist mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet worden. © Mario Anzuoni/Reuters

Man kann sich fragen, was aus der Verleihung der Academy Awards geworden ist. Wo sie doch schon nicht mehr die wichtigsten Filme auszeichnet. Weder künstlerisch wichtig noch zwingend ökonomisch wichtig. Geehrt werden Filme, die den mehr als 7.000 Academy-Mitgliedern am besten gefallen, und die mögen es gern wie der Mainstream – heroisch und bedeutungsschwanger. Mit ein bisschen Glück sind auch gute Filme darunter.

Aber worum geht es bei den Oscars dann?

Selten wie nie wurde dieses Jahr deutlich: Es geht darum, der Welt zu zeigen, was wichtig ist, und wofür es lohnt, sich einzusetzen: "Nein zu sexuellem Missbrauch von jungen Studentinnen (und Studenten)!" "Nein zu Umweltzerstörung und Klimawandel!" "Ja zur Schwulen-Bewegung!" "Nein zu sexuellem Missbrauch von Kindern!" "Ja zu mehr Diversität im Filmbusiness!" Was der einzelne Star schon kräftig betreibt, seine guten Absichten ausleben und dabei an Image gewinnen – siehe Brangelina, siehe George Clooney, siehe Matt Damon – wird zum Massentrend. Kaum eine Präsentation in dieser Oscarnacht, kaum eine Dankesrede, in der nicht ein ganz großes Thema Fürsprache erhielt.

Chris Rock moderiert mit spitzem Witz

Allen Themen voran selbstverständlich die Debatte um #OscarsSoWhite. Die Academy hatte schon vor den reinweißen Nominierungen den Moderator Chris Rock eingeladen, durch den Abend zu führen. Warum er das im Verlauf der Diskussionen nicht abgelehnt hatte, sagte er zu Beginn der Show selbst. Er hat völlig recht: Was hätte es genutzt abzusagen? Diese Oscars wären dennoch moderiert worden. Im schlimmsten Fall von einem schlechteren Moderator. Chris Rock hat es so verkehrt nämlich nicht gemacht und wahrscheinlich mit so viel spitzem Witz, wie gerade noch zulässig war in einer Gala, ohne einen Eklat zu riskieren. 

Academy Awards - Leonardo DiCaprio gewinnt Oscar Bei seiner Dankesrede betonte DiCaprio die Dringlichkeit, mit der die globale Erwärmung bekämpft werden müsse.

So zeigt Rock ein Video, in dem er (schwarze) Kinobesucher interviewt und nach deren Vorlieben befragt: Die Oscarkandidaten wie Spotlight, Bridge of Spies, Brooklyn kennen sie nicht. Dafür kennen sie Straight outta Compton, den Hip-Hop-Film über die Band N.W.A. und die Wut der black kids in Los Angeles. Der wurde aber nur in der Kategorie Bestes Drehbuch nominiert.

Im Saal des Dolby Theatre lacht man artig. So viel Selbstironie darf an diesem Abend gern sein. Ein Schwenk zeigt: Gefühlte 99 Prozent der Anwesenden sind sehr, sehr hellhäutig. Wirklich erschütternd an dem Video ist eigentlich nur, dass Chris Rock genau die gleiche Umfrage bereits 2005 unternommen hatte, als er zum ersten Mal die Oscars moderierte. Seitdem hat sich also nichts geändert. Oder doch: Damals gewann Jamie Foxx einen Oscar.

Unermessliches Leid

Dieses Stakkato der guten Absichten ist auf die Dauer einer halben Nacht ermüdend, zumal es mit so viel Pathos inszeniert wird, dass man sich zum gegebenen Zeitpunkt nicht mal mehr darüber wundern kann, den Vizepräsidenten Joe Biden auf der Bühne zu sehen, wo er für ItsOnUs.org und gegen sexuellen Missbrauch an amerikanischen Universitäten wirbt. Offensichtlich mit Erfolg, denn unmittelbar danach ging der Server von ItsOnUs in die Knie. Vielleicht wird man künftig den Erfolg eines Oscars nicht mehr nur am Einspielergebnis eines nominierten Films ablesen können wurde – angeblich ein Plus von elf Millionen Dollar –, sondern auch an der Steigerung des Bekanntheitsgrads einer gemeinnützigen Organisation oder gleich am Spendenzuwachs. 

Bis es soweit ist, werden aber noch zwischendurch Preise an Filme und deren Mitwirkende vergeben. Über Onlinewettbüros sind die Preisträger mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit vorhersehbar. Absolut niemand hat beispielsweise mitfiebern müssen, ob Leonardo DiCaprio tatsächlich seinen ersten Oscar erhält. Er hat ihn bekommen, und wer den Film The Revenant schon gesehen hat, weiß, wie er dafür gekämpft hat: Ziemlich schnell wird er von einer mächtigen Braunbärin zerfleischt und stirbt. Nein, halt, er stirbt doch nicht, sondern lebt weiter und kämpft, und von da an kommt es eigentlich immer noch schlimmer für ihn. Ganz am Ende des Films kriecht er eine Böschung hinauf. Und was muss er da sehen: Wie sich sein Wunschtraum von ihm abwendet und verschwindet. Was wir sehen, ist das sogenannte unermessliche Leid in DiCaprios Gesicht. Und zugleich ein überdeutliches: "Gebt ihn mir!" Bitteschön, gern geschehen.