Als Peter Lustig vor ziemlich genau 37 Jahren anfing, in seiner ZDF-Sendung Pusteblume die Welt verständlich zu machen, war das Programm für die Kleinsten noch sehr übersichtlich. Selbst nach der Umbenennung des Formats in Löwenzahn Ende 1980 richtete sich außer ihm nur noch die sozialdemokratisch belehrende Rappelkiste an Kinder. Statt des fiktional ergänzten Dauerwerbeblocks SuperRTL und einem 18 Stunden sendenden KiKa gab es Sendeschluss ab Mitternacht auf allen drei Kanälen.

Zu der Zeit war dieser kahlköpfige Nickelbrillenträger mit Latzhosenrequisite so etwas wie die Verkörperung des Kinderfernsehens. Jeden Sonntagnachmittag –  mit Wiederholungen an bis zu drei Tagen die Woche – bat er die präpubertierende Jugend in seinen verwilderten Garten im fiktiven Bärstadt, das eigentlich am Rande Berlins lag, und ließ sie in einer nostalgischen Wunschwelt herumwandern.

Wohnhaft im öffentlich-rechtlichen Bauwagen, propagierte Peter Lustig in vertrauenswürdigem Bariton seine Vision eines richtigen Lebens im Falschen: Wozu habt ihr Kopf und Hände, denkt euch selber mal was aus! Kann man Kuhfladen eigentlich essen? Und wenn schon Fernsehen, dann bitte mit Dynamo am Heimtrainer betrieben. Aber hinterher, die Verantwortlichen beim ZDF in Mainz fanden den Rat nur bedingt ratsam, "abschalten! (Ihr seid ja immer noch da.)".

Verspielte Neugier

Das war neu, das war frech, das war eigentlich konservativ, aus konservativer Sicht aber so progressiv, dass Peter Lustig von Glück sagen konnte, nicht im Ersten zu laufen. Unter dem erzkonservativen Programmleiter Helmut Oeller hätte sich der Bayerische Rundfunk sonst sicher regelmäßig ausgeklinkt, angesichts solcher Unterwanderung frühkindlicher Fügsamkeit. Dabei verpasste der gelernte Rundfunktechniker und studierte Elektrotechniker dem ökologischen Skeptizismus jener Jahre eine verspielte, neugierige Fortschrittsgläubigkeit, die überzeugteren Latzhosenträgern seinerzeit fremd war.

Für den Berliner, arm, aber behütet aufgewachsen in Breslau, war alles interessant, alles erklärbar, alles bedeutsam und kindgerecht: Fabriken, Zoos, Forschungsinstitute, Kaufhäuser, alles Organische, ja selbst die leidige Atomkraft. Er war demnach nie, was ihm bis zu seinem Abschied vor elf Jahren rein phänotypisch stets unterstellt wurde, ein "Müsli-Esser". Schon gar nicht war er ein "romantischer Aussteigertyp", wie er den Spiegel noch voriges Jahr im Gespräch wissen ließ.

Im bunten Bauwagen mit der sprechenden Gitarre als Klingel habe er höchstens "aus Bequemlichkeit" mal geschlafen. Sandalen waren ihm ebenso fremd wie Botschaften. So viel zum Überzeugungstäter. Peter Lustig war eher ein empathischer Realo oder ein kompromissfähiger Fundi. Ein Umweltschützer, weil es in Zeiten des Klimawandels nun mal intelligent ist, auf die Umwelt zu achten, nicht ideologisch oder gar parteipolitisch geboten.

Ein Fernsehgesicht, das keines war

Dabei hatte sich der Mahner ohne Messianismus sein Medium schon als Dreikäsehoch ausgesucht, um das Publikum zu unterhalten. Sein Weg dorthin führte zunächst neben die Kamera, als der Teenager mit seiner Mutter beim Spazierengehen einen Übertragungswagen sah und spürte, unbedingt ins Fernsehen zu wollen. Beim zweiten Ausflug ging es dann schon unter die Kamera, als der Mittzwanziger bei John F. Kennedys berühmter Berlinrede das Mikrofon justierte. 

Vor der Kamera landete der Mittdreißiger dann ganz zufällig bei einem Dreh für die Protestband Ton, Steine, Scherben, als ihn der Regisseur wegen seiner Berliner Schnauze ins Rampenlicht beorderte. Etwas Plan, etwas Glück, ein bisschen Talent, ein bisschen Bestimmung – fertig war ein Fernsehgesicht, das keines war und gerade deshalb glaubwürdig.

Dass er in einem Vierteljahrhundert Bildschirmpräsenz nie für etwas anderes stand als seinen sprechenden Namen im alternativen Ambiente, mag ihn gewurmt haben; geklagt hat er nie. Geklagt hat er überhaupt nur einmal hörbar, als ihm ein missverständlicher Satz so verdreht wurde, dass der Eindruck entstand, er habe etwas gegen Kinder.

Aber selbst das konnte am Denkmal Peter Lustig nicht kratzen. Jetzt ist er im Kreis seiner Familie mit 78 Jahren in Husum gestorben. Nach einem ziemlich richtigen Leben im Falschen.