ZEIT ONLINE: Liebe Sarah, am Anfang deines neuen Romans steht die Protagonistin Jule gelangweilt auf der Bühne und ist deprimiert, weil es ihr so leicht fällt, ihr Publikum in verschiedene Stimmungen zu versetzen. Sie nennt sich selbst eine "Prostituierte der menschlichen Emotion". Ist das das Schicksal aller Entertainer?

Sarah Kuttner: Vermutlich. Selbst wenn man extrem auf Authentizität besteht, bedient man damit letztlich ja auch nur das Publikumsbedürfnis nach Menschen, die einfach ganz sie selber sind. Auch das ist ein Instrument, das man gut spielen muss.

ZEIT ONLINE: Und wer ist darin besser? Jule oder du?

Kuttner: Ich glaube, ich mach das besser. Jule ist zu bockig und macht das eher als Abwehrhaltung, zum Selbstschutz. Ich habe auch nicht immer Spaß daran, weiß aber, dass es manchmal nötig ist. Und man kann vieles überbrücken, indem man einfach schauspielert. Ich übe das ja mittlerweile seit 15, 16 Jahren. Irgendwann merkt man’s gar nicht mehr, dass man gerade professionell ein bestimmtes Bedürfnis von jemand anders befriedigt. Ziemlich armselig eigentlich. Aber gut, so ist halt der Job.

ZEIT ONLINE: Bist du eigentlich schon Nostalgikerin und trauerst der großen Zeit des Fernsehens nach?

Kuttner: Vor Kurzem war ich in Köln im alten VIVA-Gebäude und da war ich wirklich kurz melancholisch. In dem Haus habe ich jahrelang gearbeitet, jetzt ist es komplett tot. Das ist ganz gruselig: riesige Räume, leere Flure, durch die wir früher immer mit so komischen Tretrollern gefahren sind, weil die Wege so weit waren. Da ist nichts mehr, einfach Stille. Früher haben da die Leute vor der Tür gestanden, weil sie auf irgendjemanden gewartet haben, wir haben Quatsch-Rubriken hier gedreht, und geile Musikergäste da gehabt und Juliette Lewis stand da und hat aus einem Starbucks-Becher getrunken, den wir danach heimlich geklaut und aufgehoben haben. Da hatte ich so einen Moment: Krass, das ist zehn Jahre her und das ist vorbei, das ist richtig vorbei. Das wird auch nicht mehr kommen. Nicht unbedingt, weil die Leute so etwas nicht mehr wollen, aber weil ich es selbst nicht mehr will. Jan Böhmermanns Sendung beispielsweise würde ich nicht geschenkt haben wollen.

ZEIT ONLINE: Das ist schwer zu glauben.

Kuttner: Ich möchte einfach nicht mehr den Druck haben tagesaktuell abliefern zu müssen. Immer irgendwie Gesprächsthema sein zu müssen. Wahrscheinlich hat Böhmermanns Redaktion gerade dasselbe Gefühl, das ich vor zehn Jahren bei MTV hatte, also das Gefühl: Wir sind gerade ziemlich geil. In unserer Redaktion waren damals alle befreundet, wir sind ständig zusammen ausgegangen. Diesen Moment hat Jan Böhmermann jetzt. Die denken gerade, und vielleicht sogar zu Recht, dass sie die Könige der Welt sind. Und das ist auch ein tolles Gefühl. Ich glaube nur, dass man das nicht lange machen kann, weil es einen auch seltsam zermürbt.