Kaum ein Vorwurf wirkt einschneidender, mithin verheerender, als der des sexuellen Missbrauchs. Für den Verdächtigen. Für das Opfer. So parkt das Auto schon vor der Polizeiwache, doch die 15-jährige Sarah zögert, auszusteigen. Thomas Engel hat sie hergefahren, noch einmal fragt er sie nach dem genauen Hergang der Vergewaltigung. Ob sie sich ganz sicher ist. Sie sei doch nicht etwa sauer auf den Jungen wegen irgendwas? Ihr müsse klar sein: "Wenn man so was behauptet, kann das das Leben von einem ruinieren." Sarah hadert. Könne man auch morgen noch zur Polizei gehen? "Ja", sagt Thomas Engel, "wann immer du willst." Er schnallt sich wieder an und startet den Motor.

Diese Szene aus Nichts passiert, dem neuen Film des Schweizers Micha Lewinsky, verrät viel. Über Opfer von sexuellem Missbrauch, die häufig mit Scham auf die Tat reagieren. Über die Sorge davor, zu leichtfertig mit dem Vorwurf der Vergewaltigung umzugehen. Über Menschen wie Thomas Engel, einen zwanghaft um Harmonie besorgten Mann (treffend besetzt mit Devid Striesow), der vor allem Konsequenzen für sich selbst fürchtet, weil Sarah die Tochter seines Chefs und gerade in seiner Obhut ist.

Als kürzlich die ARD-Produktion Operation Zucker. Jagdgesellschaft im Fernsehen lief, ein akribisch recherchiertes Drama über Kinderhandel und -prostitution in Deutschland, dominierte eine Szene des Films sowohl Vorabkritiken als auch die anschließende Maischberger-Sendung zum "Sexobjekt Kind": Die ermittelnde Polizistin verdächtigt zu Unrecht einen Mann des Missbrauchs, weil sie eine Situation, die sie beobachtet, schlicht missdeutet.

Warum nahmen so viele Medien ausgerechnet jene Szene in den Fokus, in der sich ein Verdacht als falsch entpuppt? Wohl weil durch die zunehmende Sensibilisierung für das Thema auch ein Fehlalarm fatale Folgen haben kann. Selbst wenn ein Vorwurf entkräftet wird, ist er nie ganz zu beseitigen, etwas bleibt haften. Sowohl dieses Stigma als auch der Balanceakt zwischen Opferschutz und Unschuldsvermutung interessiert Filmemacher. Ihre Kamera rückt ab vom Opfer, hin zum vermeintlichen Täter und den Menschen in ihrem Umfeld.

Wer hat denn nun Schuld?

Ein Meisterwerk gelang so vor vier Jahren dem dänischen Regisseur Thomas Vinterberg mit seinem Film Die Jagd. Bezeichnenderweise trägt er die Hatz genauso im Titel wie nun der zweite Teil der ARD-Produktion. Denn genau darum geht es hier: um die Jagd auf einen Mann, von dem der Zuschauer von Beginn an weiß, dass er unschuldig ist. Banale Zufälle führen dazu, dass ein kleines Mädchen den Erzieher Lucas (Mads Mikkelsen) als Pädophilen erscheinen lässt.

Das Perfide und zugleich Raffinierte an Vinterbergs Missbrauchsfilm: Der urteilende Zuschauer kann niemandem ernsthaft die Schuld zuschieben – sofern er nicht das fünfjährige Kind verantwortlich machen will. Es geht hier gar nicht wirklich um Missbrauch, sondern vielmehr um die Dynamiken der Panik und Verleumdung, um die weitverbreitete Hilflosigkeit im Umgang mit einem Tabuthema.

Auch Thomas Engel, der Antiheld aus Nichts passiert, ist kein Täter im eigentlichen Sinne. Indem er aber abwiegelt und die Angelegenheit unter den Teppich zu kehren versucht, macht er sich mitschuldig. Will er nur sich selbst schützen oder glaubt er tatsächlich, damit auch dem jungen Mädchen zu helfen? Deckt er gar den Täter, immerhin Sohn eines Freundes? Der Film fordert den Zuschauer heraus, selbst Position zu beziehen. Was genau ist wohl passiert? Wie sehr leidet das Mädchen darunter? Führt bei ihr womöglich Reue zu einer Umdeutung des Geschehenen? Und ab wann geht Engel zu weit mit seiner Strategie der Deeskalation?

Nebenbei wagt Lewinsky den Balanceakt, eine (tragische) Komödie mit dem Thema Missbrauch zu verbinden. Tatsächlich nähert sich Lewinsky ungewöhnlich humorvoll dem heiklen Stoff. Slapstickhaft gerät die Geschichte bisweilen, wenn sich Engel immer weiter in seinem Lügengespinst verstrickt. Nicht jedem wird dieser arg sorglose Umgang mit dem Thema behagen, der Vorwurf der Verharmlosung scheint nicht völlig aus der Luft gegriffen.