"Die Stadt erblüht, wenn ihre großen Institutionen eng zusammenarbeiten", sagt der Erzbischof zu dem neuen Chefredakteur des Boston Globe, der gerade seinen Antrittsbesuch beim Obersten Hirten der Großgemeinde absolviert. Aber Marty Baron (Liev Schreiber) schüttelt die Umarmung höflich ab und verweist darauf, dass eine Zeitung für sich alleine stehen sollte. Baron ist neu in Boston und als unverheirateter Jude, der Baseball hasst, ein Außenseiter in der vom Katholizismus tief geprägten Stadt. Diese Außenperspektive ist es, die seine Aufmerksamkeit auf etwas lenkt, was alle anderen nicht sehen. Oder nicht sehen wollen: den sexuellen Missbrauch durch einen katholischen Priester. In der ersten Redaktionssitzung setzt Baron ein Recherche-Team auf den Fall an, der in der örtlichen Presse lediglich als Randmeldung abgehandelt wurde. Drei Männer und eine Frau arbeiten in der sogenannten Spotlight-Redaktion, in der sich investigative Journalisten oft über mehrere Monate in eine Story vergraben und diesmal einen Skandal ausgraben, der nicht nur Boston erschüttern wird.

Im Jahre 2002 veröffentlichte der Boston Globe eine Artikelserie, die stichhaltig bewies, dass mehr als siebzig Geistliche in der Diözese Boston über Jahrzehnte hinweg ihre Schutzbefohlenen sexuell missbraucht hatten. Und nicht nur dies, sondern auch dass diese Fälle von der katholischen Kirche systematisch vertuscht wurden. Fast 600 Artikel druckte der Globe insgesamt zu diesem Thema und löste dadurch eine öffentliche Debatte in den gesamten Vereinigten Staaten aus, in deren Folge bis 2012 insgesamt 6.275 katholische Priester wegen sexueller Übergriffe auf Minderjährige angeklagt wurden.

In seinem Journalisten-Thriller Spotlight rekonstruiert der Regisseur Tom McCarthy (The Station Agent) nun die Aufdeckung dieses Missbrauchsskandals und entwickelt dabei genau den richtigen Erzählton, der den notwendigen Respekt vor den Opfern findet, aber auch die minutiöse Recherchearbeit der Reporter mit subtiler Spannung in Szene setzt. Das wird ihm nun vielleicht sogar einen Oscar einbringen.

Kino - "Spotlight" (Trailer)

Anders etwa als in Genreklassikern wie Alan J. Pakulas Die Unbestechlichen (1976) sind die Journalisten in Spotlight keine Helden der Wahrheit, sondern – allesamt katholisch aufgewachsen – selbst verwickelt in das Machtgeflecht der Stadt und die Mechanismen des Wegschauens. In diesem Film gibt es keinen heroischen Protagonisten, sondern eine Gruppe gleichberechtigter Charaktere, die von einem Fall ausgehend das Ausmaß und die Systematik der Verbrechen erkunden. Die Gründlichkeit, die die Reporter bei ihren Recherchen an den Tag legen, spiegelt sich hier in einer fast schon anthropologischen Genauigkeit, mit der McCarthy das Milieu und die alltägliche Arbeit der Zeitungsmacher ins Bild fasst.

Der Leiter der Spotlight-Redaktion Walter Robinson (Michael Keaton) gehört zum katholischen Establishment der Stadt, spielt mit den richtigen Leuten Golf und ist gut mit den Machtinstitutionen vernetzt. In den Neunzigern hatte er als Lokalchef schon einmal einen Missbrauchsfall auf dem Tisch, aber nicht weiterverfolgt. Sein schlechtes Gewissen wird zur Antriebsfeder der Recherche. Mit Sensibilität und Empathie interviewt Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) die Missbrauchsopfer, die ihr Erlebnisse anvertrauen, über die sie noch nie gesprochen haben. Ihr Kollege Matt Carroll (Brian D’Arcy James) durchforstet akribisch die Archive, während sich der erfahrene Reporter Mike Rezendes (Mark Ruffalo) mit unkorrumpierbarer Hartnäckigkeit in den Fall verbeißt. Es ist die journalistische Kleinarbeit von Tür zu Tür und zwischen den Aktenregalen der Gerichte, durch die Zusammenhänge entstehen und sich die monströse Dimension des Skandals allmählich erschließt.

Seine Spannung bezieht Spotlight aus einer gezügelten Erzählweise, die dramatische Momente nicht manipulativ übersteuert, sondern den Figuren – und dem Publikum – emotionale Entfaltungsräume lässt. In seiner nachhaltig unaufdringlichen Art wirkt der Film ein wenig aus der Zeit gefallen – und läuft damit synchron zu dem Old-School-Journalismus, den seine Protagonisten betreiben. Denn natürlich ist Spotlight nicht nur ein Film über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, sondern auch über eine Form von investigativem Journalismus, der heute vom Aussterben bedroht ist. Fast ein Jahr lang haben vier Reporter an dieser Story gearbeitet (und wurden dafür mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet). Welche Zeitung wird sich heute in der Krise der Print-Medien noch einen solchen Recherche-Aufwand leisten? Guter Journalismus kostet Geld und erfordert einen langen Atem, den im Twitter-Zeitalter kaum noch einer aufbringen kann und will. Denn auch das zeigt dieser Film: Ihre gesellschaftsverändernde Wirkung konnten die Artikel des Boston Globe nur deshalb entfalten, weil der Chefredakteur eine voreilige Veröffentlichung verhinderte und statt ein paar Einzelfällen das System dahinter aufdecken wollte.