Vor ziemlich genau drei Jahrzehnten lief schon einmal ein Tatort in den deutschen Kinos: Zahn um Zahn hieß der Film und Götz George spielte Horst Schimanski. 2,7 Millionen Besucher haben den Film damals im Kino gesehen, was für einen deutschen Film auch 1985 schon exzellent war. Und als die ARD den Film zwei Jahre später auch im Fernsehen zeigte, erreichte sie immer noch 20 Millionen Zuschauer.

Allerdings zog erstens schon der zweite Kinofilm mit Schimanski, Zabou, im März 1987 nur noch 1,5 Millionen Besucher in die Lichtspielhäuser. Zweitens gab es für den Tatort damals noch keine nennenswerte Konkurrenz durch private Sender oder gar Streamingdienste. Und drittens war die Figur Horst Schimanski nicht nur längst etabliert, sondern auch sehr beliebt, bevor sie im Kino ermittelte.

Wenn jetzt der Kino-Tatort Tschiller: Off Duty mit Til Schweiger in den Kinos anläuft, ist die Situation deshalb eine gänzlich andere: Der Hamburger Ermittler Nick Tschiller hat insgesamt erst vier Folgen auf dem Buckel, trotzdem sinken schon die Zuschauerzahlen. Bei den zu Jahresbeginn kurz hintereinander gesendeten Folgen Der große Schmerz und Fegefeuer schalteten nur noch 8,2 beziehungsweise 7,7 Millionen Zuschauer ein.

Eigenständiges Finale

Außerdem soll der Film nicht nur Tatort-Fans erreichen. Vor dem Kinostart ergibt sich deshalb eine leicht paradoxe Situation: Einerseits wird Tschiller: Off Duty als Finale einer über fünf Filme gestreckten Erzählung beworben, als Ende und Höhepunkt im Duell zwischen Tschiller und Clan-Boss Firat Astan. Andererseits betonen alle Beteiligten die Eigenständigkeit des Films. Die vier vorangegangen Fernseh-Episoden müsse man nicht gesehen haben, um die Geschichte zu verstehen.

Auch die Rolle der ARD halten viele für zumindest nicht unproblematisch: Sie macht dem Publikum auf Deutschlands bestem Sendeplatz vier Folgen lang Appetit auf einen Film, der ausschließlich im Kino zu sehen sein wird. Die gesetzliche Sperrfrist nach der Kino-Auswertung dauert 18 Monate, üblich sind eher zwei Jahre. Ob Tschiller: Off Duty schon 2017 oder erst 2018 im Fernsehen gezeigt werde, sei noch nicht entschieden, teilt der NDR mit.

Häufiger horizontal

Tatort-Koordinator Gebhard Henke, Fernsehspielchef des WDR, äußert sich zu dem Thema zurückhaltend kritisch. Generell gebe es die Tendenz, die "reine Lehre" der Tatort-Dramaturgie aufzuweichen und auch horizontal zu erzählen. "Sicherlich sollte der Charakter der Reihe mit abgeschlossenen Fällen aufrecht erhalten bleiben, weil dies das Markenzeichen des Tatort darstellt", sagt Henke, der aber einen Kino-Tatort sicher nicht grundsätzlich ablehnt. Schließlich strickt der WDR selbst seit Längerem an einem Kinofilm mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl, die als lustige Ermittler in Münster Traumquoten liefern.

Wirtschaftlich betrachtet, gibt es für eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt jedenfalls weder viel zu gewinnen noch zu verlieren. An den Kino-Einnahmen ist der NDR nach eigenen Angaben nicht beteiligt, und in die Produktion will er lediglich so viel investiert haben wie für eine normale Tatort-Folge. Da die Höhe des Filmbudgets von acht Millionen Euro längst kein Geheimnis mehr ist, wäre der NDR wohl mit mindestens 1,7 Millionen dabei, vermutlich sind es noch ein paar Euro mehr.

In der Regel kostet ein Tatort zwischen 1,3 und 1,5 Millionen Euro. Aber die Tschiller-Tatorte dürften aufgrund der zahlreichen Actionszenen ohnehin teurer sein als die meisten der Wald-und-Wiesen-Filme aus der Krimireihe. Auf die Frage nach weiteren Verwertungsrechten antwortet der NDR etwas nebulös: "Für unseren Co-Produktionsanteil, der etwas mehr als ein Fünftel der Gesamtkosten beträgt, haben wir alle für einen Fernsehsender sinnvollen und notwendigen Rechte."

Spiel mit der Marke

Indirekt beteiligen sich die Gebührenzahler – wie bei nahezu jedem deutschen Kinofilm – auch noch über die Filmförderung an den Kosten für Tschiller: Off Duty. Die Filmförderungsanstalt (FFA), das Medienboard Berlin-Brandenburg und die Filmförderung Hamburg/Schleswig-Holstein haben insgesamt zwei Millionen Euro zugeschossen. Wenn der Film an der Kinokasse ein Erfolg wird, müssen die Produzenten die Darlehen zurückzahlen.

Thomas Schreiber, Unterhaltungskoordinator beim NDR und Redakteur von Tschiller: Off Duty, verspricht einen "unterhaltsamen Kinofilm, der mit der Marke Tatort spielt". Für die in derselben Höhe eingesetzten Mittel erhalte man einen Schauwert, der um ein Vielfaches höher liege. Produzent Sigi Kamml erklärt dagegen: "Mit dem klassischen Tatort hat es nicht mehr viel zu tun." Der NDR habe aber genauso Einfluss genommen wie bei jeder anderen Tatort-Folge fürs Fernsehen - "äußerst angenehm und kooperativ".

Der Film ist an 41 Drehtagen unter anderem in Istanbul und Moskau entstanden. Der Aufwand ist also deutlich höher als bei einer reinen Fernsehproduktion. Die James-Bond-Vergleiche in manch euphorischer Vorabkritik kann Kamml dennoch nicht ganz ernst nehmen: "Die verbraten für einen Stunt mehr als wir für einen ganzen Film."