Wo heute die Welt ein Stück besser gemacht werden soll, da hat man es in der Regel mit zwei Problemen zu tun. Entweder das Vorhaben erscheint strukturell aussichtslos, wenn es etwa um die Bekämpfung des weltweiten Hungers geht. Oder aber man hat es, wenn es vergleichsweise kleinere Ansinnen wie die Gleichberechtigung betrifft, mit Leuten zu tun, die nicht ohne verkniffene Mundwinkel auskommen. Muss Idealismus, sobald er wahrhaftig sein will, zwangsläufig dermaßen deprimierend, angestrengt und anstrengend sein? Eben nicht.

Michael Moores kunst- und lustvoller Dokumentarfilm Where to invade next zeigt, wie es auch anders geht und hat dabei eine so kathartische Wirkung, dass während der Präsentation von Moores jüngstem Werk auf der Berlinale nicht nur häufig befreit aufgelacht wird, es gibt gar Szenenapplaus. 

Der Film ist grundiert von einer Mischung aus Kleinjungenstreich und ungebrochenem, dabei aber gänzlich moralinsäurefreiem Idealismus. Und auch, wenn Where to invade next natürlich vorderhand eine Bankrotterklärung an die politische und mentale Verfasstheit Amerikas ist, dann gelingt Moore damit doch eine sehr viel universellere, durchaus ernstzunehmende und dabei amüsante Handreichung für die Verwirklichung eines besseren Lebens.

Kino - "Where to invade next" (Trailer)

Halb Advocatus Diaboli, halb verschmitzter Schluffbär

Moores Grundidee ist so einfach wie albern. Die USA, so zeigt eine Montage aus historischem Archivmaterial, haben so viele Kriege geführt im 20. Jahrhundert, sind immer wieder in andere Länder einmarschiert – und was ist dabei herausgekommen? Nur Unheil. Also beschließt Moore, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Die amerikanische Flagge geschultert, bricht er auf zu einer Invasion in all jene Länder, in denen er glaubt, etwas erobern zu können, das Amerika fehlt. Nicht etwa Öl oder andere Rohstoffe, sondern – jaja, es ist pathetisch – zwischenmenschliche und soziale Werte.

Halb Advocatus Diaboli, halb übergewichtiger, verschmitzter Schluffbär fällt Moore zunächst in Italien ein, um die dortigen Arbeits- und Freizeitgewohnheiten zu begutachten. Die erste kursorische Sichtung des Feindes führt zu einem deprimierenden, weil beneidenswerten Ergebnis: Die Italiener sehen immer aus, als hätten sie gerade Sex gehabt. Bald ist auch klar wieso: In Italien haben die Menschen nicht nur mehrere Wochen bezahlten Urlaub im Jahr, ein dreizehntes Gehalt, von dem sie sich diesen Urlaub leisten können – also jede Menge Zeit für Sex – sondern, so erfährt Moore von einem sichtlich gut gelaunten italienischen Paar, wer heiratet, bekommt Extraurlaub, natürlich bezahlt. Ein fünfmonatiger bezahlter Mutterschutz nach der Geburt ist ebenso selbstverständlich.

Immer wieder hat Moore sein eigenes, übertrieben fassungsloses Gesicht mit Urlaubsfotos des perfekt durchtrainierten Paares gegengeschnitten, das dem Amerikaner aufmunternd zunickt und klarmacht: doch, doch, so ist das hier. Kein Vergleich mit Amerika, wo es für Arbeitnehmer mit sehr viel Glück zu zwei Wochen bezahltem Urlaub reicht.