Aus dem Schlamm eines Reisfeldes fischt ein Ifugao-Priester mit prächtigem Kopfschmuck eine Schachtel mit alten 16mm-Filmrollen. Nachdem er den cineastischen Schatz geborgen hat, legt er den Film in einen Projektor ein: "Memories of Overdevelopment (A Film in Progress)" ist im unscharfen, wackeligen Vorspann zu lesen.

Das ist die Eröffnungsszene von Kidlat Tahimiks Balikbayan #1 - Memories of Overdevelopment Redux III. Der philippinische Regisseur hat Ende der 70er Jahre einen Film über Enrique von Malakka gedreht, den Sklaven des spanischen Weltreisenden Ferdinand Magellan. 35 Jahre nach Drehbeginn kommt es unter dem Titel Balikbayan, was so viel wie Gastarbeiter heißt, endlich ins Kino.

Das Ergebnis ist eher "ein Remix oder eine Neuinterpretation" des ursprünglichen Films, sagt Tilman Baumgärtel, Professor für Medientheorie in Mainz. Baumgärtel hat lange auf den Philippinen gelebt und und kuratiert jetzt in Berlin eine Retrospektive über die Filme von Kidlat Tahimik.

Überentwickeltes Europa

Ein solch abseitiger Filmemacher schafft es wohl nur ins deutsche Kino, weil er für seine lustvolle Medienarchäologie auf der Berlinale 2015 den Caligari-Preis erhalten hat. Der 150-minütige Film Balikbayan deutet die koloniale Geschichte um, macht aus dem Sklaven den ersten Gastarbeiter der Geschichte und baut ihn anstelle von Magellan zum Helden auf und zum ersten wirklichen Weltumsegler.

Tahimiks antikoloniale Umdeutung kann man dem sogenannten Dritten Kino zurechnen, das in den siebziger Jahren jenseits von Hollywood und dem europäischen Autorenkino eine dritte Perspektive stark machte, die den Neokolonialismus scharf, aber auch mit Ironie und beißendem Humor kritisierte. Der Film setzt eine alternative Geschichtsschreibung in Szene: In Balikbayan sichert Enrique die Finanzierung von Magellans Expedition, findet souverän den Weg durch Feuerland und nimmt mit nicht seine Heimat als unterentwickelt wahr, sondern Europa als fahrlässig überentwickelt.

In den vergangenen Jahrzehnten hat Tahimik vor allem Videotagebücher geführt. Jetzt erlaubt es ihm die Digitalisierung der Filmtechnik, frei von marktbedingten Formatvorgaben und inhaltlichen Beschränkungen ins Kino zurückzukehren. Von der aktuellen philippinischen Filmavantgarde, von Regisseuren wie Lav Diaz oder Khavn de la Cruz, wird er als Ahne verehrt. Doch während die Arbeiten der jüngeren Filmemacher auf ausländischen Festivals große Erfolge feiern, zählen sie im eigenen Land nicht viel. In den Multiplexen laufen formatierte Komödien und Liebesfilme, die den Eskapismus vor dem rauen Alltag der Inselnation bedienen.

Die Zensur ist korrupt

Die Philippinen haben zwei Kolonialmächte, eine Diktatur und mehrere korrupte Regierungen hinter sich, eine freie und stabile Demokratie gibt es immer noch nicht: Eine extreme soziale Schere teilt das Land, die Kriminalitätsrate ist hoch, Terrorismus eine ständige Gefahr, aber auch staatliche Gewalt ist weit verbreitet und Korruption sowie Zensur sind an der Tagesordnung. "Es gibt mit dem Kino auf dem Uni-Campus in Manila eigentlich nur einen öffentlichen Ort, wo Filme gezeigt werden, die nicht der Zensur vorlagen", sagt der Kölner Filmproduzent Stephan Holl, der vor zwei Jahren Khavns Film Ruined Heart produziert hat. "Die Zensur ist politisch und korrupt und verhindert einiges." Die Filme von Tahimik, Khavn oder Diaz hätten auf den Philippinen so gut wie keinen Zugang zum Publikum. Zugleich werden sie unter widrigsten Bedingungen mit geringem oder gar keinem Budget realisiert.

Die billige Produktionsweise, die Freiheitsbeschränkungen, die gesellschaftliche Situation in der sie entstehen – all das merkt man den Filmen an. In ihrer Radikalität ignorieren sie sämtliche Regeln der Dramaturgie und auch die klassische Idee einer Werkeinheit. Kontrolliert und durchkomponiert wirken die wenigsten dieser Filme, aber sie sind aufregend anders und vermitteln eine gewisse Dringlichkeit.       

Ohne die Digitalisierung wären diese Filme wahrscheinlich nicht entstanden. Khavn gilt als Vater des digitalen Kinos auf den Philippinen und hat in den letzten zehn Jahren 50 Lang- und über 100 Kurzfilme gedreht. Neben seinem bekanntesten Film, dem schrillen Slumdrama Mondomanila, war in Deutschland zuletzt Misericordia: The last Mystery of Kristo Vampiro zu sehen. In dem an nur vier Tagen entstandenen, zu großen Teilen rot eingefärbten Film verbindet Khavn Bilder von Selbstkreuzigungen christlicher Fanatiker mit Hahnenkämpfen und Aufnahmen seiner Familie.