In jüngster Zeit hat man viel über Anne Frank gehört. Aber meistens stand nicht die berühmte Geschichte des von den Nationalsozialisten ermordeten Mädchens im Vordergrund, das sich zwei Jahre lang mit ihrer Familie in einer Amsterdamer Hinterhauswohnung versteckt hielt und während dieser Zeit Tagebuch führte. Stattdessen ging es um Fragen der legitimen Aneignung und Verfügbarkeit von Anne Franks Aufzeichnungen, um Deutungs- genauso wie um Verwertungshoheit.

Durften Anne Franks Tagebücher mit Beginn des Jahres 2016 – sie starb Anfang März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen – frei zugänglich ins Internet gestellt werden? Nach dem deutschen Urheberrecht, das Texte siebzig Jahre nach dem Tod des Verfassers oder der Verfasserin gemeinfrei werden lässt, wäre das möglich. Widerspruch legte im konkreten Fall der Anne Frank Fonds ein, weil er in Anne Franks Vater den rechtmäßigen Urheber sah. Dieser hatte die Aufzeichnungen seiner Tochter nach Ende des Krieges aufbereitet und veröffentlichen lassen.

Otto Frank verstarb 1980, mithin ließe die Gemeinfreiheit noch einige Jahre auf sich warten. Die Frage, ob die Gemeinfreiheit im Sinne der Verbreitung der Aufzeichnungen nicht unbedingt wünschenswert wäre, spielt bei den Entscheidungsträgern ganz offensichtlich keine Rolle. So scheiterte auch eine für 2015 avisierte Verfilmung von Anne Franks Geschichte für das ZDF kurz vor der Realisierung daran, dass die Produzenten die Rechte der Tagebücher nicht bekamen.

Harmonische Familie

Insofern kann der Regisseur Hans Steinbichler schon einmal als Erfolg verbuchen, dass seine Adaptation von Anne Franks Tagebüchern nun ins Kino kommt und bereits bei ihrer Weltpremiere auf der Berlinale gefeiert wurde. Und womöglich speist sich genau aus dem Wissen um den erwarteten Erfolg zumindest ein Teil des Unwillens, der sich während der Betrachtung des Films einstellt. Ein anderer Teil resultiert daraus, dass Steinbichler nicht den Ehrgeiz besessen zu haben scheint, seinem Film eine eigene Handschrift zu verleihen. Vielmehr kommt Das Tagebuch der Anne Frank als hübsch historisierend ausgestattete Familiengeschichte daher, die sich kaum von anderen hübsch historisierend ausgestatteten Familiengeschichten unterscheidet.

Das mag auch daran liegen, dass Anne Franks Eltern mit Martina Gedeck, vor allem aber mit Ulrich Noethen mit Schauspielern besetzt sind, die so allgegenwärtig sind, dass man sich stets fragt, ob sie sich, wenn sie in den Drehpausen am Cateringwagen stehen, hin und wieder mal kurz in Erinnerung rufen müssen, welche Figur sie da eigentlich gerade spielen.

Hinzu kommt, dass Steinbichler die Erzählperspektive enorm verengt. So lernt man in den ersten Minuten des Films eine frappant harmonische Familie kennen, die zwar von den widrigen politischen Umständen gezwungen wurde, von Frankfurt nach Amsterdam zu emigrieren, die aber dennoch ein relativ gutsituiertes Leben führt und bis vor Kurzem noch Urlaube bei Verwandten in den in satten Grüntönen leuchtenden Schweizer Bergen verbringen konnte. 

Näherrückende Bombenangriffe

Wer vermutet, dass Steinbichler die Idylle anfangs deshalb so explizit macht, um sie anschließend umso stärker zu brechen, der irrt. Die Gewaltherrschaft der Nazis wird allenfalls in kleinen, nicht wirklich bedrohlichen Szenen ins Bild gesetzt. Als etwa Anne gemeinsam mit ihren jüdischen Freundinnen während eines Strandbesuchs erfahren muss, dass es für Juden verboten ist, im Meer zu baden. Selbst als die Schreckensherrschaft so weit heranrückt, dass die Franks in das vom Vater seit längerer Zeit vorbereitete Versteck untertauchen, einer 50 Quadratmeter großen Hinterhauswohnung über seiner ehemaligen Firma, stellt sich mehr der Eindruck eines pragmatischen als eines existentiellen Entschlusses ein.

Über die Klaustrophobie, die sich durch die Aufnahme von vier weiteren Juden – dem Ehepaar van Pels mit ihrem Sohn Peter und dem Zahnarzt Fritz Pfeffer  – verstärkt haben mag, erzählt der Film so gut wie nichts. Die Angst, entdeckt zu werden, die Angst vor Bombenangriffen, die im Verlaufe der letzten Kriegsjahre näher rücken, schnurren auf je eine Szene zusammen. Das mag seine Berechtigung haben, wenn man annimmt, dass selbst in den extremsten und bedrückendsten zeithistorischen Situationen der konkrete Alltag und das unmittelbare Umfeld dennoch wesentlicher für Menschen sind als die politischen Zusammenhänge. Geht man allerdings davon aus, dass Steinbichlers Film mit Blick auf seine jugendliche Zielgruppe durchaus auch eine pädagogische Aufgabe zu erfüllen hat, scheint der Regisseur es sich in dieser Hinsicht ein wenig zu einfach gemacht zu haben.