Das Repertoire des Torjubels hat sich radikal verändert. Über Jahrzehnte dominierte der beidseitig eingesprungene Streckarm. Heute ist die Auswahl schier grenzenlos. Die Palette reicht von der Säge über den Schnuller bis zum Herz und der hüfthoch angewinkelten Doppelfaust mit vorgebeugtem Körper, einer Standardpose der Generation Playstation.

Nur bei RTL gab es diese Figur offenbar schon in den Fünfzigern. In dem Biopic Duell der Brüder bejubelt Uwe Rahn sein Siegtor im WM-Finale 1954 wie ein Fußballprofi von heute. In Wirklichkeit aber fiel sein Jubel sehr viel improvisierter aus, weniger choreografiert. Das ist ein Detail, doch für die Erzählweise des Films ist es typisch: Wenn das kommerzielle Fernsehen Deutschlands Geschichte mal wieder in Eventform gießt, hält es sich mit Realismus nicht lange auf.

Duell der Brüder handelt von Adolf und Rudolf Dassler, die einst den Vorläufer zweier bis heute weltweit führender Sportbekleidungskonzerne gegründet haben: Adidas und Puma. Nach dem Drehbuch von Christian Schnalke skizziert Regisseur Oliver Dommenget das hinlänglich bekannte Schisma der "Schuhfabrik Gebrüder Dassler" in zwei erbitterte Konkurrenzunternehmen, die Tür an Tür vom beschaulichen Herzogenaurach aus Textilgeschichte schreiben durften.

Attraktiver als die Originale

Und wie im fiktionalen Historytainment üblich, ist daraus ein detailversessenes Kostümfest geworden, das es mit der charakterlichen Authentizität seiner Protagonisten weit weniger genau nimmt als mit den Kulissen ringsum. Von der Firmengründung im Jahr 1924 über den Aufstieg im Nationalsozialismus bis hin zur möglichen Sprengung des Betriebs, als der schon in eine Rüstungsfabrik umgewandelt wurde, sehen "Adi" und "Rudi" zwar stets exakt so aus, wie es gerade en vogue war.

Doch die Schauspieler Ken Duken und Torben Liebrecht verleihen den Webersöhnen aus der fränkischen Provinz eine Attraktivität, die durch kein Schwarzweißfoto der Originale rechtfertigt ist. Auch die 30 Jahre Erzählzeit, die der fast zweistündige Film abdeckt, stecken sie ohne jede Alterungserscheinung weg.

Heroische Bürotiger

So backt sich RTL Sympathieträger von gestern, deren ganzer Habitus aufs Publikum von heute zugeschnitten ist. Deshalb dürfen Adi und Rudi zwar zwei Macher von zeitgenössischem Schrot und Korn sein, ihre bildhübschen Frauen Käthe (Picco von Groote) und Friedl (Nadja Becker) aber nie so eisern gängeln, wie es damals üblich war. Deshalb wird ihr Pakt mit den Nazis milde weichgezeichnet.

Das postheroische Zeitalter feiert lieber Helden der Arbeit als Helden der Schlacht. Ken Duken hat die trotzige Ausdauer, mit der er seine Figur Adi Dassler ausstattet, 2011 schon dem PS-Pionier Carl Benz verliehen. Und die Beharrlichkeit, mit der der Staatsanwalt Fritz Bauer gegen braune Seilschaften in der jungen Republik vorgegangen ist, wurde zuletzt gleich in drei Biopics erzählt.

Weltfremdes Genie

Und erst all die starken Frauen im Patriarchat: Margarete Steiff (ARD, 2005), Hope Bridges (ZDF, 2010) Beate Uhse (ARD, 2011), Elly Beinhorn (ZDF, 2014), Clara Immerwahr (ARD, 2014). Während es Autokraten eher nach Krieger-Epen dürstet, schätzen liberale Gesellschaften gewaltlose Vorbilder, die wie besessen am Durchbruch ihrer Werke zum Wohle der Menschheit schuften. "Die Leute halten mich für einen Bekloppten", sagt das weltfremde Genie Adi zum geschäftstüchtigen Hallodri Rudi an einer Stelle und fügt hinzu, er wolle "den perfekten Schuh und ich weiß, ich kann's, ich kann's, ich kann's".

Der Film steigt nicht nur im WM-Finale von Bern ein, er endet auch dort: Die Schraubstollen des Eigenbrötlers Adolf Dassler aus Herzogenaurach ebnen dem moralisch und physisch zerstörten Reichsnachfolger BRD die Rückkehr in den Kreis selbstbewusster Nationen. Und während draußen noch das Unwetter wütet, dringt gleißender Sonnenschein durch die Kabinenfenster, als der demütige Adidas-Chef das 3:2 gegen Ungarn mit sich allein ausmacht.

"Duell der Brüder" läuft am Freitag, den 23. März, um 20.15 Uhr auf RTL.