Das ZDF hat die fünfziger Jahre entdeckt: Bonbonfarbig kommen die Vorschauen auf den Dreiteiler Ku'damm 56 daher; mit viel Petticoat, viel Dauerwelle und ganz viel Rock 'n' Roll. Doch auch wenn einen hier gleich alle Fünfziger-Jahre-Klischees auf einmal anwehen: Der Film ist absolut sehenswert, intelligent und furios.

Die Fünfziger – das ist die Zeit der Tütenlampen und Nierentische, der Blumenhocker und Röhrenradios. Und es ist die Zeit von Caterina Schöllack (Claudia Michelsen), die am Kurfürstendamm die Tanzschule Galant leitet und ansonsten damit beschäftigt ist, ihre drei Töchter gewinnbringend zu verheiraten. Ihr Mann ist aus dem Krieg nicht zurückgekehrt, sie selbst hält die Fäden in der Hand und wirkt wie eine Mischung aus Helga Beimer und Margaret Thatcher

Mit Männern im Park

Dass Deutschland den Krieg verloren hat, das hat sie nicht ganz verwunden, und da es jetzt nicht mehr um den großen politischen Endsieg gehen kann, geht es doch immer noch um den kleinen privaten. Auf dem Gebiet sieht es gar nicht schlecht aus, schließlich hat sie ihre älteste Tochter Helga (Maria Ehrich) schon an einen Juristen mit besten Karriereaussichten verheiratet.

Das Aufklärungsbuch, das sie ihr vor der Hochzeit unter die Bettdecke legt, trägt den Titel Lieben, aber wie?, und dieser Titel steht exemplarisch für die Nachkriegszeit, in der den Frauen nicht mehr erotisches Empfinden zugesprochen wurde als dem Gummibaum im Wohnzimmer und die Männer allen voran das Wirtschaftswunder anzukurbeln hatten. Noch weiß Helga nicht, dass sie ihrem Mann nie mehr als eine gute Köchin sein wird. Seine quälende Leidenschaft stillt er nachts im Park mit Männern.

Hässliches Entlein

Homosexualität ist strafbar, also sucht er einen Arzt (Heino Ferch) auf, der ihn davon heilen soll wie von einer chronischen Bronchitis. In diesen Arzt nun wiederum hat sich die mittlere der drei Schöllack-Töchter verliebt, die ihm als Krankenschwester assistiert. Eva ist rehäugig, romantisch und kess. In ihr deutet sich der Widerspruchsgeist an, der die Bundesrepublik in den folgenden Jahrzehnten beschäftigen wird. 

Dass ihr angehimmelter Weißkittel früher im KZ Assistenzarzt war, weiß sie natürlich nicht. Wirklich leben wird den Widerspruch erst die jüngste Tochter Monica (Sonja Gerhardt). In der Familie ist sie das hässliche Entlein, und weil sie in der Hauswirtschaftsschule durchgefallen ist, ist sie für die Mutter sowieso nicht zu verheiraten.

Ku'damm 56 ist vor allem Monicas Geschichte. Sie dient der Erzählung als Scharnier zwischen Prüderie und Emanzipation. In der Welt der Nierentische kann sie nur versagen, weil sie schon die neue Zeit verkörpert. Aber noch weiß Monica nicht, dass sie überhaupt einen Körper hat. Als der Fabrikantensohn Joachim Frank (Sabin Tambrea) sie vergewaltigt, muss sie es eben hinnehmen. "Was dir passiert ist, ist zigtausend Frauen passiert. Reiß dich zusammen!", sagt ihre Mutter und legt ihr Tage später ein Buch mit dem märchenhaften Titel Des kleinen Samenfadens wundersame Reise unter die Bettdecke.