Junior (Samuel Lange Zambrano) wäre gerne ein Sänger mit glatten Haaren. © imFilm

Das Glück ist in Pelo Malo, wenn überhaupt, nur halb zu haben. Für den neunjährigen Junior (Samuel Lange Zambrano) markiert der Scheitel die Grenze. Auf der einen Seite fällt sein Haar glatt und glänzend herab, auf der anderen kringelt es sich wild. Seine Großmutter Carmen (Nelly Ramos) hat ihn so frisiert. Wie bezaubert betrachtet Junior die glatte Hälfte seines Kopfs im Badezimmerspiegel. Mit dieser Frisur darf ihn seine Mutter Marta (Samantha Castillo) allerdings nicht erwischen. Die Eitelkeit ihres Sohnes beunruhigt sie, und jedes Mal, wenn Junior vor dem Spiegel steht und mit Gewalt versucht, sein krauses Haar zu glätten, brüllt Marta ihn an. Sie befürchtet, Junior könnte schwul sein.

In dem Film der venezolanischen Regisseurin Mariana Rondón geht es neben Homophobie auch um Rassismus. Auf Deutsch bedeutet der Titel Pelo Malo "schlechtes Haar". Mit diesem schlechten Haar, das ihm sein Vater vererbt hat, wird er es nicht weit bringen, glaubt Junior. Aber wer kann das in dieser Welt schon? Die arbeitslose und alleinerziehende Marta hat neben Junior noch ein Baby. Der Vater der Kinder ist tot. Marta muss jeden Tag kämpfen, um sich und ihre beiden Söhne durchzubringen. Ihre Welt ist eine zerfallende Wohnsiedlung in Caracas, der Hauptstadt Venezuelas. In den von Le Corbusier inspirierten grauen Hochhaustürmen wohnt das Elend. Hinter den vergitterten Fenstern und Balkonen leben die Menschen wie in Käfigen. Draußen, zwischen den Türmen, wird geschossen und vergewaltigt. Caracas gilt als die gefährlichste Stadt der Welt.

Die Welt, in der Junior lebt, ist eng, und die Enge setzt sich in den Köpfen der Menschen fort. Mitgefühl gibt es hier nicht. Marta erzieht Junior streng, weil sie will, dass er in dieser brutalen Welt überlebt. Dabei könnte sie froh darüber sein, dass Junior einfach nur gut aussehen will. Anders als sein Vater interessiert er sich nicht für Waffen. Samantha Castillo, die eigentlich Theater-Schauspielerin ist, spielt die Mutter mit einer unglaublichen emotionalen Härte. Samuel Lange Zambrano, der Junior spielt, ohne dabei besonders laut zu werden, begegnet ihr allein mit seinen Blicken. Die sind Vorwurf genug.  

Kino - "Pelo Malo" (Trailer)

Für die Schule braucht Junior ein Foto. "Ich will ein Sänger mit glatten Haaren sein", sagt er und wünscht sich als Hintergrund für das Bild einen Wasserfall. Dass er wirklich Sänger werden könnte, glaubt Junior gar nicht, nur wenigstens auf einem schlecht gephotoshoppten Foto soll sein Traum wahr werden. Doch Juniors Wunsch passt nicht ins Bild. Für Jungs ist als Motiv Soldat mit Maschinengewehr vorgesehen, im Hintergrund stehen Panzer, und den Mädchen drückt der Fotograf eine Krone auf den Kopf und setzt sie per Bildbearbeitung vor die Kulisse eines Schönheitswettbewerbs. 

Eine große Entfremdung und Unzufriedenheit mit dem Leben liegt in Pelo Malo über allem. Der Film bietet dafür keine Lösungen. Wie sollten die auch aussehen in einer Welt, in der nicht einmal ein Neunjähriger so sein kann, wie er will? Eindrucksvoll zeigt der Film die Tristesse der Hochhausbauten, um die sich schon lange niemand mehr kümmert, und ein lautes und schmutziges Caracas, auf dessen Straßen die Autos immer im Stau stehen, voran geht hier nichts.

Die Realität der Gewalt

In diesem Film geht es nicht nur um den Wunsch eines Jungen, eine glatte Föhnfrisur zu tragen. Doch indem sie sich auf dieses kleine Beispiel konzentriert, gelingt es der Regisseurin Rondón, etwas Größeres zu erzählen: von der venezolanischen Gesellschaft, in der es für den einzelnen keinen Platz gibt, um sich zu entwickeln. Die Menschen sind gefangen in ihren kaputten Hochhäusern und in ihren kaputten Leben. Es gibt nur die Armut, die alles stillstehen lässt, und die Gewalt, der kaum jemand entgehen kann.

Schon den Kindern ist bewusst, wo sie hier leben. Mit Soldatenfiguren und Barbies spielen sie Krieg, während draußen Schüsse knallen. "Lieber sterben, als vergewaltigt zu werden", sagt Juniors Freundin einmal. "Dann stirb, du Hure", erwidert er.

Die Gewalt in der Hauptstadt Venezuelas ist real. Ihr ist auch der junge Laien-Darsteller Julio Mendez zum Opfer gefallen, der in Pelo Malo einen Kioskverkäufer spielte. Im April 2015 wurde er in Caracas auf der Straße getötet.