Einen selbst gebackenen Kuchen bekommt Jack von seiner Mutter zum Geburtstag, mit einer großen Fünf darauf und ordentlich Zuckerguss. Doch Jack will auch Kerzen, so wie er es aus dem Fernsehen kennt. Ohne die sei es kein richtiger Geburtstagskuchen, mault der Jubilar.

Kerzen gibt es nicht, erklärt ihm "Ma", und so langsam beginnen auch wir zu ahnen, was nicht stimmt an diesem Kindergeburtstag. Denn niemand ist zu Gast, weder Verwandte noch Freunde. Stattdessen sind da nur Mutter und Sohn, beide beunruhigend blass, in einem beklemmend engen, fast fensterlosen Raum. Bald ist klar: Die beiden sind nicht freiwillig hier, ein Mann namens Old Nick hält sie seit Jahren im Schuppen hinter seinem Haus gefangen.

Room lautet der schlichte Originaltitel des kanadisch-irischen Dramas, für das Regisseur Lenny Abrahamson (Frank) einen preisgekrönten Roman von Emma Donoghue adaptierte. Dieser wiederum greift den realen Fall von Josef Fritzl auf, der seine eigene Tochter 24 Jahre lang in einem unterirdischen Verlies gefangen hielt und dort missbrauchte.

Der Fernseher ist das Fenster zur Welt

Raum, wie der Film erfreulich schnörkellos auch in der deutschen Fassung heißt, ist in diesem Fall mehr als nur eine Ortsangabe. Für Jack ist es ein weiterer Protagonist, der Junge spricht über "Raum" wie über eine Person. So wie auch über die anderen Gegenstände in den äußerst überschaubaren vier Wänden, "Stuhl 1" und "Stuhl 2" etwa, "Waschbecken" oder"Schrank", in den sich Jack allabendlich zum Schlafen zurückziehen muss, wenn Old Nick der Mutter seinen Besuch abstattet.

Jack kennt nichts anderes als dieses eine Zimmer und seine Mutter, zumindest nichts Reales. Durch Kinderbücher und das Fernsehprogramm scheinen zwar immer wieder auch andere Wirklichkeiten in sein Leben hinein, doch Ma versucht ihm die Unterschiede zu erklären: Manche Menschen auf dem Bildschirm seien sie selbst, andere würden nur so tun als ob. Als ein verwelktes, braunes Blatt auf das Dachfenster segelt, glaubt Jack nicht, dass es wirklich ein Blatt ist – schließlich seien Blätter grün, wie er aus dem Fernsehen und aus Büchern zu wissen meint.

Depression und Reizüberflutung

Doch wie soll man auch daran glauben, dass hinter der scheinbar unüberwindlichen Wand überhaupt noch eine Welt existiert, mit Menschen so real wie Jack und seine Mutter, wenn man sein bisheriges Leben in einem einzigen Raum verbracht hat? Und wie kommt man mit dieser sogenannten Welt zurecht, wenn sie sich einem dann plötzlich öffnet?

Diese Fragen verhandelt Raum. Nach der Hälfte des Films gelingt den Gefangenen die Flucht und für Jack beginnt ein neues Leben voller Reizüberflutung und ungewohnter Interaktionen. Der Film setzt diese anfängliche Überforderung visuell adäquat um, durch extreme Nahaufnahmen, verschwommene Bilder und Zeitlupen. Auf das erste Glück der Rückkehr folgen schnell die Probleme: Jack tut sich schwer im Umgang mit anderen, die Mutter beginnt mit den eigenen Eltern zu fremdeln, gleitet in eine Depression ab.

Schwere Rückkehr in die Normalität

Die große Intensität, die zunächst im Kammerspiel von Mutter und Kind liegt, geht in der zweiten Hälfte des Films verloren. Doch dem Film dies zum Vorwurf zu machen, würde sein Vorhaben verkennen. Vielmehr verlangt sich Raum einiges ab: In nicht einmal zwei Stunden will er dem Zuschauer sowohl einen Eindruck davon vermitteln, wie sich das Leben in der Gefangenschaft anfühlt, als auch davon, wie schwer die Rückkehr in die sogenannte Normalität ausfallen muss.

Neben den Schrecken der Gefangenschaft möchte er die Schrecken der wiedergewonnenen Freiheit zeigen. Denn so widernatürlich seine ersten fünf Lebensjahre auch waren, so sehr sehnt sich Jack bald nach der Überschaubarkeit des Raums zurück, nach der ungestörten Zweisamkeit mit seiner Mutter und der eigenen Normalität, die sich die beiden auf neun Quadratmetern geschaffen hatten. Dass Raum der Spagat gelingt, liegt am punktgenauen und oscarnominierten Drehbuch, zu dem Autorin Emma Donoghue ihren Roman selbst umgeschrieben hat.

Leichtigkeit statt Betroffenheit

Wenn der Film trotz seiner heftigen Thematik überhaupt als rührende Mutter-Sohn-Geschichte funktionieren (und als solche vermarktet werden) kann, dann liegt das an seiner Erzählperspektive. Auch wenn Brie Larson formal als Hauptdarstellerin und Jacob Tremblay als Nebendarsteller gilt, so ist es doch er, der der Geschichte den Blickwinkel vorgibt. Nur auf diese Weise gelingt es Raum, überhaupt so etwas wie Unschuld und Leichtigkeit zu bewahren und sich nicht in seiner Betroffenheit einzuigeln.

Dass Brie Larson jüngst mit dem Oscar als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde, darf wohl als größte Überraschung der diesjährigen Verleihung gelten, auch wenn die 26-jährige Kalifornierin zuvor bereits einen britischen BAFTA Award sowie den Golden Globe für ihre Darstellung gewonnen hatte. In den vergangenen Jahren war Larson vornehmlich mit Nebenrollen in romantischen Komödien wie Dating Queen oder Don Jon sowie in der US-Serie Taras Welten aufgefallen und hatte sich bislang kaum für höhere Aufgaben empfehlen können. Dies dürfte sich nun schlagartig geändert haben.